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Thema: Werwolf VIII ~ Das Erwachen

  1. #289
    Meisterspieler
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    Das hat man nun davon, wenn man mir nicht glaubt - ich hatte eben tatsächlich nur Anfangsprobleme und habe mich erst allmählich eingefunden, lasst euch das eine Lehre sein!

    Auf ein Neues - irgendwann...

  2. #290
    Profi-Spieler Benutzerbild von Alaynna
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    Wieso geht ihr alle davon aus, dass es noch einen Wolf gibt? Es wurde nie geschrieben, dass der Siegelswächter aktiviert wurde, wie man nachlesen kann, schreibt das Dark in seinen Spielen und wie gesagt GZ und Rudelführerverwandlug ist ja jetzt auch schon weg. Denn Black war der GZ und Vara der Rudelführerwolf und 5 Wölfe + Xel würde ich ein bisschen heftig finden.

    Bringt Xel doch nicht noch auf die Ideen. Posts editieren ftw. ^^

    €:
    Mich verwundert es, dass wenn Romulus der Heiler ist, er nicht weiß, dass der Heiler nur einen Trank hat.
    Geändert von Alaynna (10.8.08 um 14:42 Uhr)
    Das Buch ist der bequemste Freund. Man kann sich mit ihm unterhalten, so lange und so oft man will.

    Die Zeit heilt nicht alles; aber sie rückt vielleicht das Unheilbare aus dem Mittelpunkt.

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  3. #291
    Darktiger/Chaosbruder Benutzerbild von Messias
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    @ Ala - nun ja, vielleicht wollte er der bösen Seite einfach weiß machen, er könnte sich noch mal heilen

    Egal...wenn Xel einen unserer Schüsse umlenken kann, haben wir eh verloren. Dann nimmt sie meinen Schuss, tötet z.B. mich. Dann wären es immer noch ihr beide, gegen sie. Aber wenn sie dann in der Nacht ruht und morgen wieder einen Schuss umlenken kann, dann steht es ein Bürger gegen sie und wenn sie dann wieder nachts ruhen würde und wieder den Schuss umlenkt, hätte sie - obwohl sie nicht BM ist, die 1,5 Stimmen auf ihrer Seite.

    Und ehrlich, dass finde ich etwas unfair uns gegenüber. Diese Rolle ist einfach zu stark. dark sollte ihre Fähigkeiten noch mal etwas modifizieren. Könnt mich ja gerade sonst wie aufregen. Da geb ich mir solch eine Mühe das ganzen Spiel über und dann ist da diese absolut unfaire Rolle.
    Wer im Treibhaus sitzt sollte nicht mit Deo werfen!

    BATSCH! Ich spreche in Ausrufen.

  4. #292
    Elite-Spieler Benutzerbild von Dead Girl
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    So Tagespost:
    Ob ich Xel'Lotath bin oder nicht, das werdet ihr wohl nur noch durch meine Lynchung herausfinden.
    Und ob diese statt findet werden wir noch sehen ^^

    Naja ich werde heut auf Romulus schießen =)

    LG

    Neko
    Varulv

  5. #293
    Profi-Spieler Benutzerbild von Alaynna
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    Mir geht es doch genauso wie Dir, Tiger. Hab es ja schon zweimal mit erleben dürfen. Aber Dark meinte zu mir gestern Abend, dass die Rolle wohl nach der Runde bisschen verändert wird. Vor allem, dass es wohl ein stiller Spieler ist, find ich blöde. Denn wenn man so eine Rolle hat, könnte man doch wenigstens auch vernüftig mitspielen, dass es Spieler sind, die z.B. Ritter, normale Bürger oder andere Rollen wie z.B. Dämon, Amor (den Amor nicht in Bezug auf die diese Runde) oder so sind, eher keine Lust auf das Spiel haben, kann ich noch halbwegs verstehen, auch wenn ich es nicht in Ordnung finde, wenn solche Leute auch nicht mitwirken, denn wozu meldet man sich bei WW an? Denn bei sowas geht der Sinn vom Spiel verloren find ich.

    Ich denk mal Dead hat es eh grad bestätigt. Dann kann Dark gleich die Runde abbrechen.

    Ne, Möglichkeit wäre noch, wenn wir drei nicht schießen würden, dann hätte Xel keinen Schuss zum umlenken, nur dann würde eh einer Sterben und wir hätten ja blöderweise keine Nachtrolle mehr, die Xel beseitigen könnte. Schade, dass es den Waffenhändler nicht in der Runde gibt.

    Wird wohl vorerst meine einzige WW-Runde bleiben. Irgendwie hat mir diese jetzt schon wieder gerreicht. Da hat man mal Zeit und macht fleißig mit und dann sind es so viele Spieler, die nicht wirklich mitwirken und dann auch noch gewinnen, bzw. einer davon. So ein Sieg wäre nix für mich, da nehm ich lieber richtig teil und nehm eine Niederlage in Kauf, als dass ich durch Abwesenheit gewinnen würde und somit anderen Mitspielern den Spaß und die Freude am Spiel nehme.

    €:
    Ich hab die vllt. Lösung gegen Xel, dafür müsst ihr, Tiger und Rom mir vertrauen und Darkgemini mir eine Frage beantworten.

    Mal angenommen, Xel ändert heute den Schuss des BM und es stirbt jemand. Aber wenn der BM morgen nicht schießen würde, was würde dann sein, wenn Gleichstand herrscht? Dürfte der BM dann entscheiden, wer gelyncht wird, sowie AoR in deiner letzten Runde einmal? Beantworte mir mal bitte die Frage, Dark.

    €2:
    Ach man kann man auch vergessen, dass ganze, denn dann bräuchte Xel ja nur den anderen Schuss auf ihr Opfer zu lenken. Wahrscheinlich besitzt sie dann noch jemanden zweimal und es stirbt jemand.

    Dann weiß ich auch nicht, welche Chance (falls es sie gibt) Dark gestern zu mir meinte, wo ich fragte, wieso er die Runde laufen lässt, vllt. doch noch zu gewinnen. Er hat das wohl dann einfach nur so fallen lassen.

    €3:
    Man sollte für die Zukunft es ändern, dass Xel nur einmalig oder nicht zwei Tage hintereinander einen Schuss umlenken kann.

    €4:
    Warum ist Dark nicht da, wenn man ihn für Regeln fragen brauch. Würde gerne wissen, ob Xel einen nicht abgegeben Schuss umleiten kann oder nicht?
    Geändert von Alaynna (10.8.08 um 20:27 Uhr)
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  6. #294
    Darktiger/Chaosbruder Benutzerbild von Messias
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    Nun ja, eine Möglichkeit bestünde doch, aber dazu müsste Dark dich zum Wolf machen, dann könntest du Xel fressen.

    Aber dann hättest du 2 Bürger gegen dich.
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  7. #295
    Profi-Spieler Benutzerbild von Alaynna
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    Ich hatte ja gedacht, dass er vllt. den Siegelwächter zum Jäger macht oder so.

    Ich weiß nicht ob man überhaupt als aktivierter Siegelwächter gleich in der ersten Nacht fressen könnte und ich denk nicht, dass Dark das macht, auch wenn es nur fair den Spielern gegenüber wäre.

    Ich hätte dann leider nur noch einen Bürger mir gegenüber, falls ich der Siegelwächter sein sollte. Denn Romulus stirbt evtl. heute.

    Du wärest BM und ich würde eben gelyncht, aber damit hätte ich leben können.

    Hoffe ja auf Dark, dass er den Siegelwächter doch noch aktiviert. Aber das ist wohl undenkbar.
    Geändert von Alaynna (10.8.08 um 21:01 Uhr)
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  8. #296
    Meisterspieler
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    Zitat Zitat von Alaynna Beitrag anzeigen
    €4:
    Warum ist Dark nicht da, wenn man ihn für Regeln fragen brauch. Würde gerne wissen, ob Xel einen nicht abgegeben Schuss umleiten kann oder nicht?
    Nein, laut Dark kann Xel den Schuss nicht nur umleiten, sondern diktieren.

    Na ja, war eine schöne Runde. Adé, liebliche Welt. :/

    Wobei ich sagen muss, dass es von Xel sehr unüberlegt war, mich zu lynchen. Immerhin wäre der Siegelwächter ein viel gefährlicher Gegner.
    Geändert von Romulus (10.8.08 um 21:03 Uhr)

  9. #297
    Darktiger/Chaosbruder Benutzerbild von Messias
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    Jäger nutzt aber nichts. Da der nur schießen darf, wenn es ihm an den Kragen geht.

    Und wenn Xel das hier liest, wird sie ihn kaum angreifen, bzw. den Schuss nicht auf ihn lenken.
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  10. #298
    Wir kommen in Frieden... Benutzerbild von darkgemini
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    In einem Labor an meiner Rache tüfftelnd...
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    ERGEBNISSE DES SECHSTEN TAGES:

    Alaynna und Romulus schossen auf Dead Girl
    Dead Girl und DarkTiger schossen auf Romulus

    Der weiße Hexer Romulus wurde gelyncht.

    Der Bürgermeister und Amor DarkTiger und die Siegelwächterin Alaynna waren gegen die Älteste Dead Girl machtlos.

    ÄLTESTENSIEG


    Darks kleine Notizecke:
    Den Siegelwächter vor dem Finale zu aktivieren wäre höchst unfair gewesen. Dazu hättet ihr euch gestern nicht auf TDO, sondern auf Xel konzentrieren sollen. Hinweise, dass er der Seher ist, hat er gegeben ^^ Der Siegelwächter soll keine taktischen Fehler korrigieren
    Im Grunde war es seit gestern schon klar ^^ Die einzige Chance bestand darin, dass Dead Girl DarkTigers Schuss nicht umlenken würde. Außerdem fand Romulus es gerade so spannend, da wollte ich ihm noch ein wenig Spaß am ermitteln gönnen ^^

    Mir persönlich hat diese Runde sehr viel Spaß gemacht, ich hoffe Euch auch. Weiterhin wurde einige Regelungslücken dargestellt, die ich nun versuche zu beheben. Vor allem wird Xel derart eingeschränkt, dass sie, wie andere auch, fast alleine übrig bleiben muss, um zu überleben:

    Regelerneuerungen:
    Aufwertung des Engels:
    Ab meinem nächsten Spiel erhält der Engel eine zusätzliche Scanfähigkeit, in der er gezielt nach Xel'Lotath suchen kann. Er erfährt somit, ob jemand ein Ältester ist oder nicht. Er erfährt nicht, ob jdm Fresser ist (!). Die soll helfen, Xel'Lotath früh aufzuspüren.

    Xel'Lotath:
    Ab meinem nächsten Spiel wird bei jeder aktiven Aktion von ihr mitgeteilt, dass ihr Wahnsinn gewütet hat (Also auch beim Nutzen des Gifttrankes etc.). Nur wenn sie jemanden Scannt wird dies nicht als Aktivität gepostet.

    Bürgermeister:
    Der Bürgermeister wird imun gegen eine Schussumlenkung durch die Ältesten. Er kann somit weiterhin besessen werden und sterben, aber Xel kann ihm nicht befehlen, auf wen er schießen soll. Die Besitzergreifung wäre somit nur sinnvoll, wenn er sterben soll.

    Amor:
    Ab meinem nächsten Spiel wird Amor dem verschärften Outingverbit unterzogen, wie der Dämon. Er darf keinerlei direkten Andeutungen auf sich und die Verliebten machen. Somit muss er sich etwas originelles einfallen lassen, wenn er befürchtet, die Verliebten stellen eine Gefahr dar.

    Großes Lob möchte ich an Waldelbin, Renan, Alaynna, Blackbeer, DarkTiger und Romulus aussprechen, ich fands toll, wie ihr größtenteils richtige Schlüsse gezogen habt, ohne einen Hetzer und das ihr so aktiv mitgewirkt habt )) Aber auch TDO hat sich gut gemeistert, anfangs verunsichert hat man gemerkt, wie er es immer besser verstanden hat Seufz, mir hats mit allen gefallen

    RPG:


    Leider ist noch viel RPG übrig geblieben xD Um genau zu sein mindestens 6 Kapitel ^^ Ich persönlich würd emich freuen, wenn der Thread noch net geschlossen wird, werde die restlichen Teile täglich reinposten, vorausgesetzt es besteht noch Interesse diese weiterzulesen *hoff*


    Und schließlich. Es wurde gefragt, ob der Bürgermeister sein Amt jederzeit weitergeben kann, evtl kann man dies diskutieren.

    Danke für das Spiel, es hat mir sehr viel Spaß gemacht, werde bald mal wieder Sl sein. DANKE für die Beteiligung

    RPG kommt in 2-3 Stunden.




    KAPITEL 6:

    Tigress Muskeln spannten sich an. Fieberhaft überlegte sie, ob sie Romulus rechtzeitig die Waffe aus der Hand schlagen konnte, oder ob er abdrücken würde.
    „Ich verstehe Dich nicht. Wieso? Wieso hast Du Marie Cruz getötet?“
    „Ich hab sie nicht umgebracht!“ fauchte Tigress. Sie spürte, wie Unsicherheit in seiner Stimme mitschwang und beschloss dies auszunutzen. Jeden Augenblick konnten sie weitere Polizisten entdecken. Sie musste handeln, und zwar schnell.
    „Überleg doch mal. Warum hätte ich das tun sollen?“ versuchte sie ihn von ihrer Unschuld zu überzeugen.
    „Deine Fingerabdrücke waren auf der Waffe!“
    „Jemand hat sie untergeschoben!“ erwiderte sie schroff. Sofort sank sie ihre Stimme, um ihr Versteck nicht zu verraten. „Rom, Du kennst mich! Ich habe keine Zeit dir alles zu erklären, ich verstehe es ja selber nicht.“
    Unschlüssig blickte er zur Seite und kratzte sich mit der freien Hand hinter seinem Ohr. Tigress kannte die Geste, er machte sie immer, wenn er hin- und her gerissen war. „Vertrau mir!“ setzte sie nach.
    „Ich muss wahnsinnig geworden sein!“ flüsterte er ihr zu und steckte seine Waffe weg. Dankbar blickte sie zu ihm hoch, Tränen sammelten sich in ihren Augen.
    „Das wird mich meinen Job kosten. Verschwinde hier. Ich werd Dir etwas Zeit verschaffen! Warte auf mich heute Nachmittag im verlassenen Macquire Lagerhaus bei Shinjuku!“
    Sie nickte hastig und kroch weiter. Das Lagerhaus war ihr seit einem drei Monate alten Fall bestens vertraut. Es bot ein ideales Versteck. Nervös sah sie sich um, als sie den Kanalzugang erreichte, konnte aber niemanden entdecken.
    Während sie hineinkroch, hörte sie Romulus Stimme aus der Ferne, wie er versuchte ihre ehemaligen Gefährten auf eine falsche Fährte zu locken.

    Klares Sonnenlicht spiegelte sich in Lykanas silberner Rüstung. Gemeinsam mit Kanoe und Dark stand sie auf dem obersten Turm Düsterburgs und blickte auf ihre Truppen nieder.
    „Es ist Zeit!“ sprach Dark und trat an Lykana heran.
    Die Werwölfin atmete tief ein und genoss den frischen Wind, der durch ihr langes Haar wehte.
    „Hier gibt es trotzdem schöne Dinge. Glaubt ihr wirklich wir schaffen es Diese zu bewahren?“ fragte sie in einem sanften Tonfall.
    „Das werden wir.“ hörte Kanoe ihre eigene Stimme. „Aber ihr kennt den Preis!“

    In rasender Geschwindigkeit liefen Bilder der Schlacht von Nazdefah und Diabkon vor Kanoes innerem Auge ab, bis sie ihr Ende sah. Sie spürte, wie ein Schrei in ihrem Inneren Aufstieg, der Schmerz saß noch immer tief. Dann öffnete sie die Augen.
    Verunsichert sah sie sich um. Die dunkelblauen, metallenen Wände, zwei weitere leere Betten links von ihr: Sie befand sich im medizinischen Laborbereich.
    „Ich wusste Du schaffst es!“ erklang Degs besorgte Stimme von der anderen Seite ihres Bettes. Kanoes Kopf pochte.
    „Du hast mich also verstanden!“ stellte sie kraftlos fest.
    „Deine Vision war auch eindringlich genug. Im Grunde verdankst Du es B.E.A.S.T, dass wir das Gegengift so schnell gefunden haben. Es hat nicht viel gefehlt!“
    Kanoe schloss noch einmal die Augen, ehe sie sich aufrichtete.
    „Du solltest besser noch…“
    „Es geht schon wieder!“ unterbrach Kanoe Deg und stütze ihren Kopf mit beiden Händen ab. Die Tür wurde geöffnet, Bozz trat mit zwei weiteren Männern ein.
    „Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte, nachdem ich gehört habe, dass ein Anschlag verübt wurde!“ begann er. „Glücklicherweise haben Sie das Schlimmste überstanden.“ Mit einem scheinheiligen Lächeln versuchte er seinen Worten mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.
    „Die Liste derer, die ein Motiv und eine Möglichkeit dazu hatten, dürfte nicht lang sein!“
    erwiderte Kanoe noch immer ermattet. Sie hatte Schwierigkeiten Bozzs Gesichtsausdruck richtig zu deuten.
    „Während Sie sich erholt haben, haben meine Männer die Ermittlungen bereits aufgenommen und etwas Interessantes entdeckt!“
    Bozz winkte einem der Männer zu. Sofort schritt dieser zu einem der Monitore und gab mehrere Befehle ein. Ein Video erschien.
    „Das ist eine Aufzeichnung einer Sicherheitskamera, die ihr Appartement zeigt, kurz vor dem Anschlag.“ erklärte Bozz nebenbei.
    Kanoes Kräfte kehrten schlagartig zurück. Vorsichtig stützte sie sich am Bett ab und stand auf.
    „Das ist unmöglich!“ entfuhr es Deg, als sie die Person auf dem Video erkannte.
    „An der Identität der Person besteht kein Zweifel!“ widersprach Bozz. Mit einem geringschätzigen Blick musterte er die Computerspezialistin.
    „Ich werde in wenigem Minuten bewiesen haben, dass das Video eine Fälschung ist!“ brüllte sie ihn an.
    „Sie werden gar nichts tun, Deg. Die Kameras haben jeden Vorgang genauestens protokolliert. Sie sind überführt!“
    „Nein, das ist sie nicht!“ mischte Kanoe sich ein und stellte sich schützend vor die junge Frau. „Ausgerechnet Deg sollte die Sicherheitskameras vergessen haben? Lachhaft!“
    „Die Beweise sind eindeutig!“ Bozz gespielte Freundlichkeit verschwand. „Führt sie ab!“ Blitzschnell waren die beiden Männer bei Deg und verdrehten ihr die Arme auf dem Rücken, vor Schmerz schrie sie laut auf.
    „Sie wissen genauso gut wie ich, dass Deg unschuldig ist!“ rief Kanoe und hielt Bozz am Unterarm fest. Mit einem festen Schlag stieß er sie zu Boden. Der Schmerz zog durch all ihre Knochen, für einen Augenblick fühlte es sich an, als sei sie paralysiert.
    „Wir werden das intern regeln.“ fuhr Bozz fort. „Deg hatte Zugang zu vielen wichtigen Informationen. Solch einen Verrat können wir nicht tolerieren!“ Triumphierend funkelten seine Augen auf.
    „Ich verlange eine weitere Untersuchung!“ erwiderte Kanoe und richtete sich auf.
    „Abgelehnt. Ich werde persönlich noch einmal alles überprüfen. Anschließend werde ich eine geeignete Bestrafung und Lösung finden. Raus mit ihr!“
    Schreiend wand sich Deg unter dem Griff der beiden Wachmänner, konnte sich aber nicht befreien. „Ich war es nicht!“ schrie sie wiederholt und blickte flehentlich zu Kanoe, bis sich die Tür hinter ihr schloss.
    „Solange Sie sich erholen, werde ich mich um alle Angelegenheiten kümmern! Seien Sie ohne Sorgen. Deg wird ihre Strafe bekommen.“
    „Sie spielen ein gefährliches Spiel, Bozz!“ stellte sie fest, als er den Raum verlassen wollte. „Ein Spiel, dessen Regeln Sie nicht begreifen!“

    „Du hast ihn getötet!“ stieß Elbin voller Verachtung heraus. „Du hast meinen Großvater umgebracht!“
    Tedaon trat von der schweren Eichenholztür zurück und lief auf Elbin zu. „Ich verspreche Dir, es wird bei Dir nur halb so lange dauern!“ flüsterte er.
    Elbin ballte ihre Hände zu Fäusten und stellte sich ihm in den Weg. Hastig suchte sie die Regale und Tische nach nützlichen Gegenständen ab. Sie hatte genug von der Flucht! Und wenn es sie das Leben kosten würde, sie war fest entschlossen zu kämpfen.
    Der große Wandspiegel zersprang, als Tedaon on ihm vorbei lief. Ein Muster, das einem Spinnennetz glich, breitete sich über die silberne Fläche aus. Fragend zog er eine Augenbraue hoch. Ein seltsames, vibrierendes Geräusch erklang aus dem Haus, doch Elbin starrte ihn einfach nur an und schien es nicht wahrzunehmen. Die kleine Stehlampe auf dem Küchentisch leuchtete grell auf und explodierte.
    Elbin konnte das Gefühl nicht beschreiben: Etwas war ihn ihr zerbrochen, etwas anderes dafür erwacht. Sie spürte ihren Körper, die Energie, konnte es jedoch nicht kontrollieren.
    Zeitgleich leuchteten alle Lampen in dem Haus auf, der Herd begann zu glühen, Fernseher und Radios schalteten sich auf volle Lautstärke ein. Eine Lampe nach der anderen explodierte, der Raum war angefüllt mit herabfallenden Scherben und sprühenden Funken, die Spannung körperlich messbar. Tedaon wusste nicht was geschah und hielt sich schützend die Hände vor das Gesicht.
    Endlich erwachte Elbin aus ihrer Lethargie.
    Sie nutze ihre Chance und rannte durch die Küche auf den Vordereingang zu. Sie wusste nicht, ob der Mann ihr folgte, und sie wagte nicht, sich umzudrehen. Die Tür war nicht verschlossen, panisch rannte Elbin auf die Straße, immer weiter, ohne stehen zu bleiben. Es dauerte nicht lange, bis sich ihre Wunden wieder schmerzhaft zurückmeldeten, doch sie blieb nicht stehen. Stück für Stück schleppte sie sich weiter, bis ihr Körper erschöpft in einem kleinen Waldstück im Park zusammenbrach. Nach Luft schnappend blieb sie liegen, sie schaffte es nicht einmal mehr zu weinen.
    „Zum Parlamentsgebäude!“ hörte sie eine fremde Stimme. „Du musst zum Parlamentsgebäude!“ Elbin schaute sich ratlos um, konnte aber niemanden entdecken. „Ich versichere Dir, wir werden alles versuchen, um Dich zu beschützen, Du musst es nur bis zum Parlamen…“
    Plötzlich war die Stimme verschwunden. Elbin stand auf. Nervös verkrampfte sie ihre Arme vor ihrer Brust. Sie wusste nicht mehr, wem sie vertrauen konnte. Sie wusste nicht, was um sie herum vorging, was Fiktion und was Realität war. Und vor allem wusste sie nicht, ob sie bereit war die Wahrheit zu verkraften.

    Ratlos betrachtete Tedaon das Chaos um sich herum. Er hätte sich nicht ablenken lassen dürfen, aber es war einfach zu überraschend gewesen. Sein Handy klingelte, der Bildschirm war ebenfalls defekt.
    „Es gibt schlechte Nachrichten!“ begann er sofort, als er Kanoe am anderen Ende der Leitung hörte.
    „Das muss warten.“ unterbrach sie ihn rasch. „Unsere Situation hat sich geändert. Sciarh ist bereits auf dem Weg zu Hinoto. Triff ihn dort und haltet meine Schwester endlich auf. Ich kann ihre Visionen nicht mehr lange unterbrechen.“
    „Vielleicht wäre es besser, den Angriff zu verschieben!“ schlug Tedaon vor und trat mehrere Scherben beiseite. „Elbin steht kurz davor zu erwachen!“
    Er hörte, wie Kanoe lang ausatmete.
    „Es ist bereits alles vorbereitet.“ entschied sie. „Es wird schwierig werden, solch eine Gelegenheit noch mal einmal zu bekommen. Geh zu Sciarh!“
    Damit legte sie auf.
    „Es gibt nur die eine Zukunft, Schwester, nur die Eine.“ murmelte sie zu sich selbst. „Es ist Zeit, dass Du das begreifst!“

    „Sind Sie sicher?“ fragte Blak noch einmal nach, als er Hinotos Stimme vernahm.
    „Eine große Gefahr wird auf uns zukommen.“ erläuterte sie knapp. „Ich brauche Dich hier!“
    „Ich bin gleich da!“ versicherte er ihr und die Vision verblasste. Hinotos Gesicht nahm einen seltsamen, kalten Gesichtsausdruck an.
    „Prinzessin Hinoto?“
    Erschrocken fuhr sie zusammen.
    „Ich habe hier etwas Tee!“ bemerkte Yolanda und trat vorsichtig näher heran. Ihre blonden, gewellten Haare fielen bis zu den Schultern. Wie Hinoto wirkte sie wesentlich jünger für ihr tatsächliches Alter.
    „Ich danke Dir.“ antwortete Hinoto sanft.
    Yolanda stützte Hinoto ab und half ihr vorsichtig beim Trinken. Nachdem sie geendet hatte, räumte sie das Geschirr beiseite.
    „Es ist seltsam. Ich spüre die Bedrohung, aber ich kann sie in meinen Träumen nicht genau orten!“ erklärte Hinoto.
    „Dann ist es also wahr. Der Krieg hat begonnen!“ stellte Yolanda besorgt fest.
    „Ja.“ wand sich die Prinzessin an sie: „Du musst nicht hier bleiben, zumindest nicht die nächsten Tage, bis ich genaueres weiß.“
    „Nein!“ erwiderte Yolanda energisch. „Ich bin zwar keine Kriegerin wie Blak und gehöre auch nicht zu den sieben Himmelsdrachen. Ich bin nicht einmal eine besonders mächtige Hexe. Für mehr als ein paar Schutzzauber reichen meine Kräfte nicht. Aber meine Aufgabe besteht darin Euch zu pflegen und zu schützen, und diese werde ich bis zum Ende ausführen!“
    Hinoto umschloss Yolandas Hände. „Die Hilfe eines Menschen lässt sich nicht anhand seiner Kampfkunst messen!“ erwiderte sie und lächelte der Hexe aufmunternd zu.
    Yolanda verbeugte sich und schob vorsichtig die Tür hinter sich zu. Sie zog ein kleines, silbernes Handy aus ihrer Tasche und drückte die Schnellwahltaste. Sofort nahm jemand ab.
    „Es ist vollbracht!“ sagte sie und legte auf.

    Ihre Hände zitterten, als sie den Schlüssel im Schloss umdrehte. Nervös blickte Chi über ihre Schultern; sie war nach wie vor alleine. Hastig trat sie ein und begann sich in Pothes Wohnung umzusehen.
    Das letzte Gespräch mit Antiflag ließ ihr keine Ruhe. Noch immer wusste sie nicht, wohin Alaynna verschwunden war. Bisher empfand sie Pothes gefährliche Ausstrahlung als anziehend, aber was, wenn Antiflag recht hatte? Sein Blick war derart kalt und entschlossen, als Antiflag die beiden erwischt hatte, dass selbst Chi ein eisiger Schauer über den Rücken gelaufen war.
    Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und durchwühlte zunächst einen Berg von Kleidungsstücken im Bad, vergebens. Anschließend untersuchte sie die Schubladen in seinem Schreibtisch. Sie stieß einen Pfiff aus, als ihr Blick auf seine Kontoauszüge fiel. Trotz all seinem Geld war er geiziger als ein Schotte!
    „Was machst Du hier?“
    Erschrocken wirbelte sie herum. „Pothe. Hi….Ich..wollte Dich überraschen.“ stotterte Chi. Sein Ausdruck war genauso steinern, wie am Abend zuvor.
    „Ist alles in Ordnung?“ fragte sie mit zittriger Stimme. Er stand einfach nur da und schaute sie an.
    „Ich glaube, ich gehe jetzt wohl besser!“ stellte sie fest. Langsam schritt sie an ihm vorbei. Ihr Herz pochte und bildete das einzige Geräusch in dem trüben Raum.
    Plötzlich packte er sie am Kinn und presste sie gegen die Wand. Chi stöhnte laut auf. Ein krächzender Laut entkam ihrer Kehle, als Pothe diese zudrückte.
    „Pothe…!“ krächzte sie flehentlich. Sie spürte, wie das Blut in ihren Ohren rauschte. Während sie mit ihrer rechten Hand versuchte seinen Griff zu lockern, schlug sie mit der linken wild um sich. Ihre Nägel gruben sich tief in sein Fleisch und hinterließen blutige Striemen. Er zeigte keine Reaktion. Mehrere Kapillaren platzten in ihrem rechten Auge und färbten es rot. Die Adern auf ihrer Stirn und ihren Schläfen traten deutlich hervor, der Druck auf ihren Kopf wurde unerträglich. Ihre Gedanken drehten sich nur noch um eines: Luft. Hastig schnappte sie immer wieder danach. Ihr Körper wirkte hilflos, zappelnd, wie der einer Puppe.
    Mit einem Mal erschlaffte er. Pothe wartete kurz ab, zog sie zu sich und schlug sie erneut gegen die Wand. Keine Reaktion. Langsam beugte er sich über sie und atmete ihren Duft ausgiebig ein; er liebte das berauschende Gefühl von Macht und Kontrolle und er spürte, dass er mehr wollte.

    „Richtig! Sie befindet sich im Lagerhaus, genauso wie ihr es wolltet!“ sprach Romulus in sein Handy und legte auf. Seine Stimme war gesenkt, er war strengstens darauf bedacht nicht gesehen zu werden, was sich in dieser Gegend als äußerst schwieriges Unterfangen erwies. Der Polizist kauerte zwischen einem alten Holzlattenzaun und mehreren Mülltonnen unter einer alten Eiche.
    Endlich hielt der Wagen vor dem Haus an. Romulus zog sich schnell seinen ledernen Handschuh über und spähte vorsichtig zwischen den Mülltonnen heraus. „Hab ich dich!“ flüsterte er sich selber zu und stellte sich hinter den Baumstamm, so dass er von der Straße aus nicht gesehen werden konnte.
    Der Polizeidirektor verabscheute Nachtschichten. Wegen Tigress musste er einmal wieder zusätzliche Überstunden ableisten, nur dass er dieses Mal seine beiden Töchter versorgen musste, während seine Frau noch immer im Krankenhaus lag.
    „Chief!“
    „Romulus? Was machen Sie hier!“
    Zunächst begriff der Direktor nicht, was Romulus bezweckte. Seine Augen weiteten sich vor Angst, als dieser den Abzug der Waffe betätigte: Drei Schüsse hallten durch die Straße!
    Romulus betrachtete voller Zufriedenheit die Pistole in seiner rechten Hand. „Jetzt wirst Du wissen, was es heißt, gejagt zu werden, Tigress!“ spottete er.
    In gebückter Haltung lief er hinter das Haus und war verschwunden, bevor ihn jemand sehen konnte.

    Erschrocken fuhr sie hoch. Es war dunkel.
    Verängstigt blickte Alaynna um sich. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnt hatten. Sie tastete den Raum Stück für Stück ab, aber mehr als eine Liege und ein Stuhl schien es hier nicht zu geben.
    Alaynna versuchte sich daran zu erinnern, wie sie hergekommen war. Nach und nach kehrten die Erinnerungen an Pothe, Antiflag und an die Heimfahrt zurück.
    Endlich fand sie etwas, dass eine Tür zu sein schien. So laut sie konnte schrie sie um Hilfe und hämmerte dagegen. Niemand reagierte.
    Verzweifelt sackte sie in sich zusammen und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis endlich Schritte von draußen erklangen. Hastig tastete sie in ihrer Zelle nach dem Hocker. Sie lief zu der Stelle, an der sie die Tür vermutete.
    Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Alaynna hielt den Atem an, als die Tür geöffnet wurde.
    Mit einem lauten Aufschrei schlug sie dem Besucher den Hocker auf den Kopf, ächzend sackte er zu Boden. Alaynnas Hände zitterten. Sie lief zwei Mal auf und ab, bis sie genug Mut aufbrachte um nach draußen zu spähen. Ein langer, dunkler Korridor breitete sich vor ihr aus. Alaynna lauschte. Niemand war z hören. Entschlossen schritt sie aus der Zelle und rannte davon.

    „Prinzessin Hinoto!“ erschrocken blickte Blak auf die benommene Prophetin. Die weißhaarige Frau sah zu ihm auf, es fiel ihr sichtlich schwer die Konzentration beizubehalten.
    „Etwas stimmt nicht. Ich fühle mich schwach!“
    Sanft zog er sie in seine Arme. „Was hast Du getan?“ anklagend wand er sich an Yolanda, welche zusammenfuhr. „Antworte!“ schrie er.
    „Ich habe gar nichts getan!“ erwiderte die Hexe.
    „Du bist die Einzige, die hier war!“
    Tränen stiegen in Yolandas Augen. Ihre innere Aufgewühltheit schien sie zu zerreißen.
    Mit einem kräftigen Griff packte Hinoto Blaks Handgelenk. „Wir werden angegriffen!“ stieß sie hervor. „Du musst sofort das Gebäude evakuieren!“
    Es dauerte einen Augenblick, bis er die Bedeutung der Worte begriff. Mit einem Satz sprang Blak auf und lief zur Wand, um den Alarm auszulösen. Eine laute Sirene erklang in einem sich wiederholenden Muster.
    „Ich musste es tun!“ versuchte Yolanda sich zu rechtfertigen, aber ihre Stimme brach. Hilflos stand sie im Raum und beobachtete den Wächter.
    „Weshalb?“ fragte Blak barsch. „Du hast sie betäubt. Damit sie niemandem wegen dem Angriff warnen kann!“
    ‚Sie haben meinen Sohn’ wollte sie antworten, doch Blak winkte ab.
    „Verschwinde hier!“ fauchte er sie an.
    „Aber…Versteh doch!“
    „Ich will es nicht verstehen!“ brüllte er. „Für alles, was jetzt geschieht trägst Du die Verantwortung. Hau ab!“ drohend hob er seinen Arm. „Geh! Warne wenigstens die Menschen oben!“
    Hilfe suchend sah Yolanda zu Hinoto, doch diese kämpfte noch immer mit den Folgen des Beruhigungsmittels.
    „Es tut mir Leid!“ brachte sich hervor und ließ die beiden alleine.
    „Ich muss Euch von hier weg bringen, in Sicherheit!“ erklärte Blak und rannte zur Prinzessin.
    „Der alte Evakuierungstunnel!“ erklärte Hinoto kaum hörbar. „Es gibt einen alten Fluchtweg für die kaiserliche Familie. Der Tunnel führt hier raus!“
    Blak hob ihren Körper hoch, während sie ihren Kopf an ihn lehnte. Sie wirkte schwach und zerbrechlich. Ein merkwürdiges, dröhnendes Geräusch erklang von den oberen Stockwerken. So schnell er konnte rannte er an das Ende des Raumes, bis zur besagten Tür. Vor Hektik fielen ihm die Schlüssel zweimal herunter. Endlich hörte er das befreiende Klicken: ein langer, enger Tunnel breitet sich vor ihnen aus.

    Dunkle Gewitterwolken brauten sich über der Stadt zusammen, bedrohliche Blitze erhellten den Himmel.
    Das Parlamentsgebäude ragte auf einem Hügel am Rande der Stadt empor, dutzende Stufen führten zu dem aus weißem Marmor errichteten Gebäude. Direkt gegenüber erhoben sich zahlreiche Wolkenkratzer verschiedenster internationaler Banken und Konzerne.
    Eine einsame Gestalt blickte vom südlichen Berghang auf die Stadt nieder. Sein weißgrauer Mantel hob ihn deutlich vom sich verdunkelnden Himmel ab.
    „Ihr wollt es also wirklich durchziehen?“ stellte Tedaon außer Atem fest. Er war so schnell hergerast wie möglich. „Wo sind die anderen?“ fragte er zweifelnd.
    „Wir brauchen niemanden sonst!“ erwiderte Sciarh ruhig. Seine Konzentration richtete sich einzig und alleine auf das unter ihm liegende Parlamentsgebäude.
    Tedaon lachte verächtlich auf. „Du alleine?“ spottete er, knirschte aber gleichzeitig mit den Zähnen. „Dann zeig mal, ob ihr Elementarmagier wirklich so mächtig seid!“
    „Tritt beiseite und halt dich bereit!“ erwiderte Sciarh gelassen.
    Langsam hob er seinen Kopf und blickte gen Himmel, eine starke Windböe streifte sie. Tedaon hielt sich schützend die Hände vor die Augen, als Blätter, Staub und Geröll aufgewirbelt wurden. Sciarh zeigte keinerlei Reaktion, die Augen, konzentriert und zusammenkniffen, schienen sich weiß zu verfärben. Kleinere, feine dunkle Äderchen traten überall an seiner Haut hervor.
    Die Wolkendecke geriet in Bewegung, immer dichter zogen sich die schwarz-grauen Massen zusammen, während der Wind an Stärke stetig zunahm. Einem runden Teller gleich drehte sich das Zentrum über der Stadt im Kreis.
    „Oh mein Gott!“ entfuhr es Tedaon bei dem Anblick. Unwillkürlich wich er zurück und stolperte rückwärts.
    In sekundenschnelle hatte sich ein dunkler Trichter gebildet, dessen Umfang mehrere Meter umfasste. Einer schwarzen Säule gleich ragte er inmitten der Stadt bis zum Himmel empor. Sciarhs Anspannung wuchs, als sich der Trichter in östlicher Richtung in Bewegung setzte.
    Panisch schrieen die Menschen auf, im verzweifelten Versuch zu entkommen. Die Menschen in der näheren Umgebung wurden sofort in die Höhe gerissen, gnadenlos nahm der Tornado jeden mit sich, der sich ihm in den Weg stellte.
    Ein LkW-Fahrer bremste scharf und versuchte seinen Wagen zu wenden, unterschätze die Fliehkraft und kippte um. So schnell der Mann konnte, stieß er die Tür auf, nur um zusammen mit seinem Fahrzeug in dem schwarzen Schlund zu verschwinden.
    Der Wirbelwind streifte ein mit einer gläsernen Fassade verziertes Hochhaus, das Geräusch berstenden Metalls war meilenweit zu vernehmen, die Hälfte des Gebäudes wurde mitgerissen und entblößte das Innere des Gemäuers.
    Tränen liefen einer Frau die Wangen herunter, als sie hektisch ihr vier Monate altes Baby aus dem Kinderwagen zog und einer Gruppe von Menschen hinterher rannte. Panik und Chaos regierten, von überall her drangen Hilfeschreie zu ihr heran. Für sie selbst zählte nur ihr kleiner Sohn, welcher sich ängstlich an seiner Mutter festkrallte. Er verstand nicht, was um ihn herum geschah, spürte jedoch die Gefahr. Einer Feder gleich wurde der Kinderwagen hoch geschleudert, der Mutterinstinkt gab ihr ungeahnte Kräfte. Nur noch wenige Meter zu einem Kellerzugang, sie musste Unterschlupf finden! Für den Bruchteil einer Sekunde schien sie zu schweben, sie spürte, wie sie den Kontakt unter ihren Füßen verlor. Ein letztes Mal presste sie ihren Sohn an sich, bevor sie gemeinsam mit den anderen Flüchtigen in einem Ruck in der dunklen Staubwolke verschwand.
    Eine Schneise der Verwüstung markierte den Weg des Tornados, Blitze zuckten wild am Himmel. Dann schien die Luft still zu stehen, bis der Tornado auf das weiße Parlamentsgebäude prallte. Zwei Giganten gleich standen sie sich gegenüber, Licht und Schatten, die menschliche Konstruktion schien der Naturgewalten zu strotzen! Doch dann löste sich einer der Steine. Einer Kettenreaktion gleich folgten die anderen, bis das ganze Dach weggefegt wurde. Die Politiker, die sich im letzten Augenblick in die Halle gerettet hatten, wurden unter den Trümmern begraben.
    Yolanda spürte, wie der Aufzug innehielt. Ein kräftiger Ruck erschütterte die Kabine. ‚Nur noch ein Stockwerk’ dachte sie, sie musste andere warnen. Erst jetzt begriff sie, was sie angerichtet hatte.
    Die Kabine erzitterte und stürzte mit der Hexe in die Tiefe.
    Blak trug Hinoto so schnell davon wie er konnte, getrieben von einem gefährlichen Dröhnen.
    „All die Menschen…!“ sagte Hinoto und blickte wehmütig zurück. Schweiß trat dem Wächter auf die Stirn, die Mauern erzitterten. Hinoto sah, wie eine Wolke aus Staub und Geröll den Gang entlang geflogen kam, das Gebäude war zerstört. Mehrere Balken lösten sich von der Decke und begruben die beiden Fliehenden unter sich.
    So plötzlich wie der Tornado erschienen war verschwand er auch wieder. In wenigen Augenblicken löste sich die Dunkelheit auf. Sciarh entspannte sich und schenkte seine Aufmerksamkeit wieder Tedaon.
    „Hol sie Dir!“

    Der nächste Teil kommt morgen Abend/Nacht xD

    KAPITEL 7

    Die Korridore waren verlassen, eine dämmrige Notbeleuchtung diente als einsame Lichtquelle. Die meisten Mitarbeiter starrten gebannt an die Fernsehbildschirme oder aus dem Fenster auf das soeben hereingebrochene Chaos in der Stadt. Lediglich ein Wachmann stand an seinem Posten. Die Neugierde brachte ihn schier um, aber er kannte seinen Auftrag. In wenigen Stunden wäre sowieso alles vorbei.
    Anfangs hatte die Gefangene immer wieder versucht auszubrechen oder sich in das Sicherheitssystem der Firma einzuloggen, jeder ihrer Schritte wurde von Bozz vorher berechnet und vereitelt.
    Ein zischendes Geräusch drang an sein Ohr, etwas zwickte rechts in seinen Hals. Als er nach der Mücke schlagen wollte, verdrehten sich seine Augen und er fiel bewusstlos zu Boden. Kanoe blickte um die Ecke und eilte zu der bewachten Tür. So schnell sie konnte gab sie den Sicherheitscode ein.
    Deg saß zusammengekauert in der Zellenecke auf dem Boden, überrascht riss sie die Augen auf.
    „Beeil dich!“ flüsterte Kanoe und sah sich auf dem Flur um. Niemand war zu sehen, noch!
    Sofort sprang Deg auf und hielt sich an die Traumwandlerin. Sie wagten es nicht zu sprechen. Am Ende des Ganges befanden sich zwei weitere Wachen.
    „Wir gehen zurück ins Labor und versuchen es durch den Luftschacht“ raunte Kanoe Deg zu.
    „Warte!“ hielt diese sie zurück. So leise es ging entfernte die junge Frau eine Abdeckplatte, unter der mehrere Schaltkreise verborgen waren. Zielsicher schaltete sie zwei Kabel um und betätigte einen kleinen Schalter. Aus dem östlichen Flügel erklang ein Almarmsignal. Die Wachmänner sahen sich kurz an und eilten davon.
    „Wo willst Du hin?“ fragte Deg leise, als Kanoe mit ihrer Schlüsselkarte die Tür geöffnet hatte.
    „An einen sicheren Ort!“
    „Lass uns zu B.E.A.S.T. gehen, ich werde nicht lange brauchen um zu beweisen, dass das Video eine Fälschung ist!“ erwiderte Deg entschlossen.
    „Wozu?“ fragte Kanoe mit ihrer tiefen Stimme. „Wir wissen beide, wer dafür verantwortlich ist. Wenn es nicht das Video ist, wird Bozz etwas anderes finden!“
    „Er wird herausfinden, dass Du mir geholfen hast, und Dich genauso ausschalten wollen!“ erkannte Deg besorgt.
    „Überlass den Stellvertreter ruhig mir. Ihm ist nicht bewusst, was er anrichtet!“
    Ein lautes Alarmsignal hallte durch das Gebäude, mehrere Warnlichter leuchteten rot auf.
    „Lauf!“ schrie Kanoe. Ihre Flucht war entdeckt. Beide Frauen sprangen förmlich die Treppen hinunter, immer wieder musste die Computerexpertin auf Kanoe warten, deren hohen Schuhe und enges Kleid sich als unvorteilhaft erwiesen. Endlich erreichten sie die Tiefgarage, aufgeregte Stimmen erklangen aus den Stockwerken über ihnen.
    Kanoe riss die Tür zu ihrem Auto auf und drückte das Gaspedal voll durch, bevor Deg ihre Tür überhaupt zugeschlagen hatte. Vor ihnen begann sich das Tor der Garageneinfahrt zu senken; mit quietschenden Reifen rasten sie darauf zu. Mehrere Funken sprühten auf, das Lack wurde aufgekratzt und zerdrückt. Für einen kurzen Augenblick befand sich das Auto in der Luft, ehe es auf die Straße stürzte.
    Dankbar blickte Deg zu Kanoe, die sich auf den Verkehr konzentrierte und das Auto so schnell sie konnte hindurchmanövrierte.

    Unbemerkt, in sicherer Entfernung stand eine Gestalt am Straßenrand und beobachtete das sich schnell entfernende rote Fahrzeug. Sie war es, eindeutig.
    Er hatte lange darauf gewartet. Aber sein Instinkt verriet ihm, dass er endlich die richtige Fährte hatte. Das schulterlange, weißblonde Haar wehte im Wind. Er zog seinen Handschuh aus und berührte die Narbe, die anstelle seines rechten Auges sein Gesicht entstellte. Zu viele Jahre lang war er als tot abgestempelt worden, es war Zeit, die Menschen eines besseren zu belehren. Mit einem geschickten Schwung sprang Patterknife auf den Vordersitz seines schwarzen Jaguars und nahm die Verfolgung auf.

    Aufgeregte Stimmen riefen sich mehrer Befehle quer durch den Kontrollraum durch. Anders, als bei den meisten sensationsgierigen Menschen der Stadt, galt ihre Aufmerksamkeit nicht den Tornadoschäden, sondern einer einzelnen, verlassenen Zelle.
    „Lasst sie gehen!“ befahl Bozz und trat ein. Schlagartig herrschte Stille.
    „Kanoe hat sich damit selbst ins Aus manövriert!“ pflichtete ihm eine Frau in einem langen, blauen Kleid bei. Wie üblich hatte sie ihre langen dunkelblonden Haare hochgesteckt, die vollen Lippen blutrot geschminkt. „Ich sagte Dir doch, dass Kanoe einfach überschätzt wird!“
    „Was machst Du denn hier?“ fragte Bozz etwas überrascht. Zärtlich strich Catherina über seine Wange und blickte ihm intensiv in die Augen.
    „Kanoe ist außer Gefecht. Wozu noch verstecken?“
    Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er nickte einem der Wachmänner zu, kurz darauf befanden sich alle in einem Fahrstuhl in die unterste Ebene. Ehrfürchtig betraten sie das zentrale Labor.
    Sieben Wissenschaftler rannten hektisch hin und her, Kabel verliefen überall auf dem Boden.
    „Wie ist die Lage?“ fragte Bozz einen der Männer.
    „Wir sind in nicht einmal zwei Stunden transportbereit!“
    „Ausgezeichnet!“ stimmte Catherina zu. „Sie gehört Dir, so wie Dir jetzt der gesamte Konzern gehört!“
    Kurz darauf wurde der Motor einer Hebevorrichtung aktiviert, der große Behälter langsam angehoben. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Triumph beobachteten beide, wie die Konzernleiterin fort gebracht wurde.
    „Jetzt kann mich niemand mehr aufhalten!“ sprach Bozz zu sich selbst.

    Ein starker Hustenanfall überkam ihren Körper, benommen richtete sie sich auf. Es schien, als würde sich der Raum um sie herum drehen. Ihre Augen brannten von dem aufgewirbelten Staub, Blut lief aus ihrer Nase. Allmählich kehrte die Erinnerung an den Tornado zurück.
    „Blak!“ schrie Hinoto auf und sah sich nach dem Wächter um. Mehrere Balken blockierten den Korridor, einer traf Blak direkt auf den Kopf. Eine große Platzwunde markierte die Stelle auf seiner Stirn.
    „Wach auf, bitte!“ flehte sie und schüttelte ihn an der Schulter. Mit ihrer Gehbehinderung war sie nicht einmal im Stande selber fort zukommen, geschweige denn ihn in Sicherheit zu bringen.
    Ein lauter Knall ließ sie erschaudern. Etwas bewegte sich aus der Richtung, aus der sie gekommen waren; das Parlamentsgebäude stürzte wohl weiter ein. Das unbehagliche Gefühl, das Hinoto spürte, wuchs an.
    „Blak, bitte wach auf!" rief sie. „Du musst zu Dir kommen!“
    Der Wächter stöhnte laut auf. Erleichtert blickte Hinoto zu ihm.
    Wieder hallte ein lautes Scheppern durch den Korridor, es klang, als würden mehrere Steine abstürzen; oder beiseite geräumt werden.
    „Was ist geschehen?“ fragte Blak mit erschreckend schwacher Stimme.
    „Du musst zu Dir kommen und fliehen, schnell!“ redetet sie auf ihn ein. Endlich schien die Kraft in seinen Körper zurückzukehren. Er wischte sich das Blut aus dem Gesicht und starrte in die Richtung, aus der die Geräusche herkamen.
    „Sie sind es, sie wollen uns holen!“ erklärte Hinoto. „Du musst von hier weg, sie werden mich nicht töten. Bring dich in Sicherheit!" bat sie eindringlich.
    „Kommt nicht in Frage!" erwiderte er trotzig und stand auf. Sofort bereute er seine Entscheidung wieder, als ihn ein starkes Schwindelgefühl überkam. Nur mit Mühe konnte er einen Brechreiz unterdrücken. Wieder drang das bedrohliche Geräusch zu ihnen durch, jedes Mal ein Stückchen näher.
    Blak griff nach Hinoto und zog sie aus den Trümmern heraus.
    „Ich werde Dich nur aufhalten. Mach Dir keine Sorgen um mich!“ versuchte sie es erneut, aber der Wächter wollte nichts davon hören. Er nahm all seine Kräfte beisammen und hob die Prinzessin hoch. Zwar musste er sich kurz an der Wand mit dem Rücken abstützen, aber es gelang ihm das Gleichgewicht zu halten. Schritt für Schritt kämpfte er sich weiter den Fluchttunnel entlang.
    Ein erneuter Knall ließ sie erschaudern. Wer auch immer dafür verantwortlich war, musste sich jetzt ebenfalls im Tunnel befinden. Blak beschleunigte seinen Gang, während Hinoto über seine Schulter zurück blickte. Eine dunkle Gestalt löste sich aus der Staubwolke.
    Zufrieden sah Tedaon, wie die beiden versuchten zu entkommen.
    „Lauft, meine Kleinen!“ spottete er und rannte los.
    „Schneller!“ schrie die Prinzessin auf und klammerte sich fester an Blak. Schweiß vermischte sich mit dem Blut aus seinen Wunden und brannte, sie hörte, wie er bei jedem Schritt lauter keuchte.
    Endlich ereichten sie das Ende des Korridors, die Tür links war durch den Sturm beschädigt und hing schief in den Angeln. Im letzten Augenblick schlüpften beide hindurch, als eine Kugel in der Wand neben ihnen einschlug. Allerdings wirkten die Treppen dahinter wie ein kaum überwindbares Hindernis: Blak bis die Zähne zusammen und begann Stufe für Stufe zu erklimmen. Er schloss die Augen und lief weiter, sein Schweiß tropfte auf den dreckigen Boden. Kurz am Ende der Treppe überschätze er seine Kräfte und stürzte mit Hinoto hin. Frustriert schlug Blak mit den Fäusten auf den Boden und kroch zu der Prinzessin.
    „Bring Dich in Sicherheit, bitte!“ flehte sie beinahe weinerlich.
    Tedaon kam an der Treppe an und blickte auf. „Gebt auf!“ bot er dem Wächter an und steckte die Waffe wieder ein.
    Die Worte gaben Blak neue Kraft. Er packte Hinoto an den Armen und zog sie über die verwüstete Straße. Er musste es nur noch zu den Rettungsmannschaften schaffen, allerdings konnte er niemanden in dem Trümmerfeld sehen.
    Tedaon lachte laut auf. „Sieh ein, dass Du nicht entkommen kannst!“ Gemächlich lief er zu den Beiden hinüber.
    Mit einem lauten Aufschrei ließ Blak Hinoto los und stürzte sich auf den Angreifer. Dieser war zu überrascht, um sich verteidigen zu können. Blak hob einen Felsbrocken über Tedaons Kopf. Blitzschnell hatte dieser einen Dolch gezogen und rammte ihn Blak in die Seite. Der Stein krachte auf den Asphalt, der Wächter sackte zu Boden. Tedaon sprang auf und warf spielerisch seine Wurfmesser in die Höhe. Seine Augen blitzen kalt auf, als er die scharfe Klinge auf den Wächter richtete. Blak überlegte fieberhaft, wie er entkommen konnte. Panik stieg in ihm auf, als er sich seine Ausweglosigkeit eingestand. Tedaon warf die Dolche. Wenige Zentimeter vor Blaks Gesicht leuchtete ein violettes Kraftfeld auf, die Messer fielen wirkungslos zu Boden.
    „Verschone ihn!“ rief Hinoto von hinten.
    „Netter Trick, Prinzessin!“ erwiderte Tedaon trocken und lief zu ihr hinüber. Mit einem Ruck zog er das Gesicht der Prinzessin an seines heran. Das Mitleid, das sich in ihren Augen spiegelte, steigerte seine Wut: er holte aus und schlug mit seinem Kopf direkt gegen ihren, Blut quoll aus ihrer Nase, bevor sie bewusstlos in sich zusammen sackte.
    „Lass sie in Ruhe!“ schrie Blak und presste seine rechte Handfläche auf die offene Wunde.
    “Dachtest Du wirklich, ihr könntet uns aufhalten? Ihr hattet niemals eine Chance!“
    Tedaon baute sich vor Blak auf, eine erneute Windböe fegte über den Platz. Aus der Ferne drangen mehrere Schreie zu ihnen durch, die Menschen befürchteten einen erneuten Sturm. Blak sah, wie der Staub in einem Kreis um sie herum aufgewirbelte wurde und eine braun-schwarze Wand bildete. Ein junger Mann tauchte neben Hinoto auf, seine Augen wirkten wie sein Haar beinahe weiß.
    „Wer seid ihr?“ fragte Blak. Eine geheimnisvolle, undurchdringliche Schwärze umhüllte Tedaons Aura.
    „Du weißt es!“ antwortete dieser und sah die Angst, die sich in Blaks bleichem Gesicht widerspiegelte. Kurz darauf stieß er mit dem Dolch in die Kehle des jungen Wächters. Röchelnd fiel Blak zu Boden, eine Blutlache weitete sich auf der Straße um ihn herum aus.
    „Nimm sie und komm!“ ermahnte Sciarh Tedaon ungeduldig. Kurz darauf waren beide mit der Prinzessin genauso wie der Windstoß verschwunden.

    Alaynnas Herz pochte. Ihre Muskeln waren bis zum Äußersten gespannt. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen, um sich möglichst leise fortbewegen zu können. So wie sie es abschätzen konnte, handelte es sich um ein außergewöhnlich großes Gebäude. Sie war mittlerweile durch drei Korridore gelaufen, hatte aber kein Treppenhaus gefunden. Alaynna hoffte inständig, dass dieses nicht hinter einer der zahlreichen Türen abgeschlossen war.
    Sie spähte um die Ecke: zwei Männerstimmen drangen vom anderen Ende des Ganges zu ihr durch. Erschrocken hielt Alaynna inne und presste sich an die Wand. Dem Klang der Schritte zu urteilen kamen sie direkt auf sie zu. Sie machte auf der Stelle kehrt und rannte in entgegen gesetzter Richtung fort. Wenige Meter vor ihr wurde eine Tür aufgestoßen. Die Zeit schien still zu stehen. Alaynna wich sie zum Fenster zurück, wissend, dass es keine Fluchtmöglichkeit gab. Die Fenster waren ihr erster Gedanke, als sie aus der Zelle entkommen war, doch sie befand sich im dritten Obergeschoss!
    Das Fensterbrett bohrte sich schmerzlich in ihre Hüfte, gleichzeitig spürte sie die frische Luft ihren Rücken hochsteigen. Die Schritte kamen immer näher, doch zu Alaynnas Erleichterung glitt die Tür wieder zu. Sie durfte keine Zeit verlieren und musste hier verschwinden.
    „Halt!“ rief eine tiefe Männerstimme vom Ende des Korridors. Alaynna sprang unwillkürlich zurück. Zu spät bemerkte sie ihren Fehler, als ihr Oberkörper auf keinen Widerstand stieß. Ein verzweifelter Versuch Halt zu finden schlug fehl. Ihr letzter Gedanke vor dem Sturz galt überraschenderweise nicht ihr selbst, sondern der Sorge um Antiflag.
    Ein gellender Schrei hallte durch den Wald, als Alaynna in die Tiefe stürzte.

    Fassungslos starrte Tigress auf die Zerstörungsschneise, die der Tornado hinterlassen hatte. Zuerst war sie instinktiv hingerannt um zu helfen, besann sich jedoch im letzten Augenblick und eilte zurück. Zurzeit war sie eine der am meisten gesuchten Frauen der Stadt, sosehr ihr Gewissen ihr etwas anderes befahl, jetzt verhaftet zu werden würde niemandem etwas nützen.
    Einem wilden Tier gleich lief sie im Lagerhaus auf und ab. Sie hasste es zu warten, und sie hasste es unnütz die Zeit verstreichen zu lassen. Eine dunkle Vorahnung stieg in ihr auf. Die Leiche, Hinotos Warnung, der Tornado: So lächerlich es klang, was, wenn es tatsächlich einen Zusammenhang gäbe? Sofort schüttelte sie den Gedanken ab, andrerseits, was ergab von all den Dingen, die in den letzten 48 Stunden geschehen waren, überhaupt Sinn?
    “Du bist unvorsichtig!“ erklang eine Stimme hinter ihr.
    Die Polizistin wirbelte herum, sie hatte vergessen in Deckung zu bleiben. Ein erleichterter Seufzer entfuhr ihrer Kehle, als sie das vertraute Gesicht erkannte. Für einen kurzen Augenblick hätte sie ihn aus Dankbarkeit umarmen können.
    „Was geht hier vor?“ fragte Romulus. Sie wusste, dass dies rein rhetorisch gemeint war.
    „Ich bin mir nicht sicher!“ begann sie und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz. „Um ehrlich zu sein, ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber die einzige Person, die glaubte zu wissen, was hier vor sich geht, war im Parlamentsgebäude, dem Gebäude, das durch den Tornado vollständig zerstört wurde!“
    „Was willst Du damit sagen? Das der Tornado absichtlich über die Stadt kam, künstlich geschaffen?“ Romulus betrachtete sie wie eine wahnsinnige Frau, bei der man aufpassen musste, was man als nächstes sagen würde.
    „Nein, ich ….ich weiß es nicht, verdammt!“ rief Tigress. „Aber jedes Mal, wenn ich eine Spur finde, wird die Person ausgeschaltet. Marie Cruz, Hinoto, dass sind mir zu viele Zufälle!“
    „Ich denke, Du solltest Dich lieber um etwas anderes Sorgen!“ wechselte er das Thema. Tigress konnte an seinem Gesicht ablesen, dass etwas nicht stimmte und er sich nicht sicher war, ob er mit ihr darüber sprechen wollte.
    „Was ist passiert?“ fragte sie schroff.
    Romulus holte tief Luft. „Der Polizeidirektor wurde erschossen. Momentan gehörst Du zu den Hauptverdächtigen!“
    „Das glaube ich alles nicht!“ rief sie aus. Ihr Gesicht lief durch eine Mischung aus Wut und Verzweiflung rot an. „Sie versuchen mir etwas anzuhängen, siehst Du es denn nicht? Jeder, der in dem Fall beteiligt ist, wird außer Gefecht gesetzt!“
    Romulus wand sich ab. Tigress spürte seine Anspannung. „Rom, bitte, vertrau mir, ich bin auf etwas gestoßen, ich spüre es.“
    „Das nützt uns nichts, wenn Du verhaftest wirst. Weiß sonst noch jemand von Deinem Verdacht?“
    Tigress konnte das listige Aufflackern in seinen Augen nicht sehen.
    „Nein. Außer der Frau aus dem Parlamentsgebäude, eine Prophetin der Politiker. Sofern sie überlebt hat!“ fügte sie bitter hinzu.
    „Bist Du Dir sicher?“ hakte Romulus nach und wand sich ihr wieder zu. „Wenn es tatsächlich jemand auf alle Mitwisser abgesehen hat, so wie Du vermutest, dann müssen wir wissen, wen wir schützen können. Denk scharf nach, wer könnte das nächste Ziel sein?“
    „Es gibt niemanden mehr!“ stellte sie fest. „Es gibt nur noch uns.“
    Eine kurze, bedrückende Pause entstand. Romulus räusperte sich und blickte wieder hinaus. „Ich muss los, sehen was ich draußen machen kann. Sieh zu, dass Du die Stadt verlässt, bis wir genaueres wissen!“
    Tigress nickte stumm. Besorgt trat Romulus an seine Partnerin heran und legte ihr tröstend den Arm auf die Schultern.
    “Pass auf Dich aus. Wir stehen dass schon gemeinsam durch!“
    Sie wünschte, sie hätte seinen Optimismus teilen können. Kurz darauf befand sie sich wieder alleine. Die Hilflosigkeit trieb sie in den Wahnsinn. Sie versuchte eine alte Lerntechnik und ging noch einmal alle möglichen Erklärungen durch. Nach und nach eliminierte sie die Unwahrscheinlichsten, bis nur noch eine logische Erklärung übrig blieb, allerdings half es ihr dieses Mal nicht weiter.
    Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Romulus der Einzige war, dem sie wirklich vertrauen konnte. Ihre Eltern lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt, sie sahen sich höchstens einmal im Jahr. Für eine eigene Familie hatte sie keine Zeit gehabt, ihr Beruf füllte ihr Privatleben nahezu vollständig aus. Tigress wusste nicht, ob sie dies gut oder bedauerlich finden sollte.
    Ein starker Schlag auf den Hinterkopf lies die Polizistin zu Boden fallen. Sie schüttelte die Benommenheit ab und rollte sich schnell seitwärts, um ihren Angreifer im Blickfeld zu haben. Eine blonde Frau stand direkt vor ihr und beobachtete sie aus ihren grünen Augen. Tigress sprang auf und studierte die Fremde, die knapp einen Kopf kleiner war als die Polizistin.
    „Wer sind Sie?“
    Rachel hob ihre Hände und machte unmissverständlich klar, dass sie bereit war anzugreifen. Mit einem gezielten Tritt versuchte sie Tigress aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese wendete sich schnell und umging dem Angriff, doch Rachel setzte erneut an. Einer Furie gleich schlug sie auf Tigress ein, welche Mühe hatte alle Schläge abzuwehren. In einem Moment der Unachtsamkeit rammte ihr Rachel das Knie in den Bauch und stürzte sich auf sie.
    „Das war ja leichter als erwartet.“ gab sie von sich und klemmte Tigress unter ihrem Gewicht ein. „Ich verstehe nicht, wieso Kanoe es nicht selbst erledigen wollte!“
    „Wieso?“ ächzte die Polizistin und spannte ihre Bauchmuskeln an. Sie hob ihre Beine und trat die Angreiferin von sich. Keuchend drehte sie sich auf alle Viere, als Rachels Hände sie von hinten packten. Einem Schraubstock gleich drückte die Jägerin Tigress die Kehle zu. Diese holte mit dem Ellenbogen aus und versuchte die Angreiferin so von sich zu stoßen, vergebens. Panik übernahm die Kontrolle. Ihr Gesicht lief rot an, in ihrem Kopf rauschte es. Rachel verstärkte den Druck.
    „Wir haben eure Krieger, wir haben Eure Prinzessin, und wir haben jeden, der für euch kämpfen konnte ausgeschaltet!“ erklärte Rachel. „Die Menschen haben immer wieder eine Chance erhalten, und ihr habt sie wieder und wieder nicht genutzt. Und jetzt werdet ihr den Preis dafür zahlen! Es ist vorbei. Mit allem!“
    Tigress spürte, wie ihre Lebensenergie sie verließ. In wilder Verzweiflung schlug sie um sich.

    Catherina lehnte an der Balkonbrüstung der Außenanlage und blickte auf die Stadt herunter. Die Aussicht war beeindruckend. Das Gebäude erhob sich mitten im Berghang, geschützt von den umliegenden Wäldern verirrte sich nur selten ein Mensch hierher.
    Die Sonne ging unter und tauchte ihr Gesicht in ein rot- orangenes Licht.
    Bozz war gerissen, er bot das ideale Ablenkungsprogramm für Kanoe, bis diese unvorsichtig werden würde. Catherina hatte die ganze Zeit über geahnt, dass die Traumwandlerin nicht ruhen würde. Es war schwer an all die Informationen heran zu kommen, aber nach und nach hatte sie Kanoes Ziele entschlüsselt. Und dennoch: die Flucht mit Deg passte nicht in das Bild, es ergab keinen Sinn! Sie würde nicht den gleichen Fehler machen wie Bozz und die Traumwandlerin unterschätzen; wenn diese Deg in Sicherheit brachte, dann nur, um etwas noch Wichtigeres als die Konzernleiterin zu schützen! Der Wind wehte durch ihr Haar und löste eine Strähne.
    Catherina durfte keine Zeit verlieren. Sie wusste nicht, welche Rolle die Alaynna und Antiflag spielen würden, aber sie würde Kanoe keinen Vorteil erlauben. Sie würde die beiden Schwestern töten, genauso wie die Polizistin. Deg war ohne ihren Computer nutzlos, Tedaon war es egal, für wen er arbeitete, solange er seinen Lohn erhielt. Sciarh stellte das letzte Hindernis dar.
    Catherina Blick verhärtete sich. Diese Welt gehörte ihr! Sie hatte Diabkon überlebt, sie hatte Lykana überlebt, und sie war fest entschlossen Kanoes heiligen Krieg aufzuhalten, um jeden Preis!

    Yolanda lauschte in die Dunkelheit. Sie wusste nicht, wie lange sie hier gelegen hatte. Vorsichtig richtete sie sich auf.
    Die Fahrstuhlkabine hing schief, die Bremsen mussten gehalten haben.
    Blak hatte Recht. Es war alles ihre Schuld. Tränen stiegen in ihre Augen, als sie an die Toten dachte. Aber was hatte sie für eine Wahl gehabt? Ihren Sohn opfern? Dazu war sie nicht bereit! Es war dieser Gedanke, der ihr neue Kraft verlieh.
    Die blonde Hexe stütze sich ab und richtete sich auf, ein bedrohliches, knarrendes Geräusch erfüllte die Kabine, die ins Schwanken geriet. Yolanda spähte nach oben, das Dach war beschädigt. Sie stellte ihr Bein auf die Armlehne und griff nach der Notevakuierungsluke. Beinahe wäre sie wieder heruntergefallen, als ihr Blick nach draußen fiel:
    Der Schacht war fast vollständig über ihr eingestürzt, das Dach, das gesamte Gebäude fehlte. Die Kabine wurde von nichts mehr gehalten, sie klemmte zwischen den Mauern des Schachts und konnte jeden Augenblick einstürzen! Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, sie musste längere Zeit ohnmächtig gewesen sein. Yolanda stellte ihr zweites Bein auf die Armlehne und kletterte auf das Dach. Sie sah sich um. Die in den Beton gemauerten Stufen der Evakuierungsleiter befanden sich auf der anderen Seite. Durch die schiefe Lage der Kabine klaffte eine Lücke von über einem Meter zwischen ihr und der Leiter. Sie versuchte ihr Gewicht gleichmäßig zu verteilen und kroch auf dem steilen Dach der Kabine in Richtung Leiter. Ein kräftiger Ruck erschütterte die Kabine, ihr Herz schien für einen Augenblick auszusetzen. Verzweifelt suchte sie etwas, an dem sie sich festhalten konnte, doch das einzige greifbare waren die losen Stahlseile. Sie arbeitete sich vorsichtig auf der glatten Oberfläche weiter vorwärts, bis ihre Finger über den losen Rand der Kabine griffen. Zaghaft blickte sie in den schwarzen Abgrund. Es war zu dunkel, um den Boden unter sich erkennen zu können, was ihre Angst nur zusätzlich schürte. Yolanda spürte, wie ihre Muskeln die Kraft verloren, Angstschweiß brach aus. Seit ihrer Jugend litt sie unter Höhenangst. Sie verlagerte ihr Gewicht und griff mit zittrigen Fingern nach der eisernen Sprosse, die Entfernung war zu groß! Yolanda biss die Zähne zusammen, presste die Lippen gegeneinander und atmete tief durch. Sie stütze sich mit der linken Hand ab und beugte ihren Oberkörper über den Abgrund. Sie musste sich noch ein Stück weiter vorbeugen; die Kabine ächzte laut. Yolanda strich mit den Fingerspitzen über das Kalte Metall der Treppe, ihr Oberkörper hing mittlerweile vollständig in der Luft. Die Kabine sackte ein weiteres Stück abwärts, doch das genügte: Yolanda drückte sich von der Kabine ab und sprang zur Treppe hinüber. So fest sie konnte klammerte sie sich mit beiden Armen an den eisernen Stufen fest. Ein tiefes Dröhnen erklang aus dem Schacht, krachend stürzte der Aufzug hinunter.
    Kleinere Geröllteilchen rieselten auf ihr Gesicht nieder. Die Erschütterung hatte einen größeren Felsbrocken gelockert, der bedrohlich über dem Schacht schwankte. Yolanda erkannte, dass sie noch lange nicht in Sicherheit war: Sie musste an dem Felsen vorbei, bevor er herabstürzen würde; ein Wettlauf mit der Zeit begann.

    Elbin rannte, sie rannte so schnell sie konnte. Es musste ein Traum sein, es gab keine andere Möglichkeit. Jeden Augenblick würde sie in ihrem Bett aufwachen, ihr Großvater würde in der Küche auf sie warten, frische Rühreier mit Pilzen und Zwiebeln sowie zwei Scheiben Toast bereits vorbereitet.
    Es würde nie wieder so sein.
    Sie war gerade rechtzeitig in die Nähe des Parlamentsgebäudes gekommen, um zu sehen, wie eine weißhaarige Frau von zwei Männern fortgebracht wurde. Sie erkannte den Mörder ihres Großvaters wieder! Elbin wollte diesen Alptraum nur noch beenden, egal auf welche Weise! Sie versuchte den stechenden Schmerz in ihrem rechten Bein zu ignorieren und rannte auf die beiden Männer zu. Instinktiv spürte sie, dass die ohnmächtige Frau sie hierher gerufen hatte. Elbin musste sie befreien! Als sie sich näherte, nahm der Wind plötzlich an Intensität zu. Staub und kleineres Geröll wurden aufgewirbelt und bildeten eine schützende Wand.
    Erschöpft sackte Elbin zu Boden, der kurze Kampfgeist, der letzte Hoffnungsschimmer, der in ihr aufgekeimt war, war erloschen. Es wirkte, als würde der Tornado zurückkehren. Sie wehrte sich nicht mehr, sie war nur noch müde. Mit einem Mal erschienen ihr all die Anstrengungen sinnlos, sie floh, doch wovor? Was wollte sie verteidigen?
    Elbin saß einfach da und wartete, doch der erlösende Sturm kam nicht. Genauso schnell wie die Wolken aufgekommen waren, waren sie wieder verschwunden.
    Sie war alleine. Zum ersten Mal wusste sie nicht weiter, ihr Kopf war nicht mehr in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Das schlimmstmögliche Szenario war eingetreten, zumindest dachte sie das:
    Elbin fuhr erschrocken zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.

    Sie waren bereits seit Stunden unterwegs. Degs Füße schmerzten, sie war es nicht gewohnt so lange zu Fuß zu laufen. Für sie wirkte der Wald überall gleich, vor allem in der anbrechenden Dunkelheit, aber Kanoe kannte sich bestens aus, unbeirrt führte sie die Computerspezialistin durch das Gestrüpp, seit sie die Straße verlassen hatten. Auf Fragen, wohin ihr Weg sie führen würde, antwortete die Traumwandlerin nicht.
    „Was wirst Du jetzt machen?“ fragte Deg, um ihre Nervosität zu überspielen. Sie hasste es draußen zu sein, in einem ungeschützten Gebiet.
    „Bozz wurde zu einem Hindernis, ich werde mich um ihn kümmern sobald Du in Sicherheit bist!“
    „Er wird Dich töten!“ fuhr Deg erschrocken auf und hielt Kanoe am Unterarm fest. Diese lächelte und strich Deg sanft über die Wange. „Die Sekretärin des Bürgermeisters kann nicht einmal er so einfach töten. Abgesehen davon habe ich die Konzernleiterin und Sciarh auf meiner Seite. Er wird es nicht wagen sich ihren Unmut zuzuziehen. Und schließlich wird er mich nicht angreifen, weil er befürchtet, dass Du alles enthüllen würdest!“
    „Dennoch, er gefährdet alles, wofür wir so lange gearbeitet haben!“
    Deg blickte zu Boden. Sie setzen ihren Weg schweigend fort. Deg wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, beinahe wäre sie in Kanoe hineingelaufen, als diese abrupt stehen blieb.
    „An dieser Weide habe ich als Kind oft gesessen!“ erinnerte sich Kanoe. Deg blickte auf, ein dicker Baumstamm ragte vor ihnen auf, sein Durchmesser betrug mindestens zwei Meter. Er musste uralt sein. Majestätisch krönten seine Äste über ihnen, die herabhängenden Zweige bildeten einen beeindruckenden Vorhang.
    „An diesem Ort gibt es keine Menschen, er ist rein. Hör nur all die Geräusche, das Leben. Solche Orte sind eine Seltenheit.“ Kanoes entspanntes Gesicht verfinsterte sich, Wut schwang in ihrer Stimme mit. „Bozz ist sich der Folgen seines Handelns nicht bewusst. Er weiß nicht, worauf er sich eingelassen hat. Wenn wir ihn nicht aufhalten, wird der Schaden für die Erde gravierend sein. Abgesehen davon haben wir eine andere Aufgabe übernommen: Die Erde stirbt, wir sind ihre letzte Hoffnung, wir dürfen nicht scheitern!“ Sie machte eine kurze Pause. „Wir sind da!“
    Deg schob einige Zweige des Baumes beiseite. Die Trauerweide befand sich auf einem kleinen Hügel, weit und breit war nichts zu sehen.
    „Was wollen wir hier?“ fragte Deg beunruhigt.
    „Nur Geduld!“ erwiderte Kanoe.
    Deg sah genauer hin. Der Boden begann zu vibrieren, das Bild im Tal veränderte sich. Als würden mehrere Blätter zu Boden fallen erkannte Deg die Umrisse einer alten Steinhütte. Ihr war, als würde sie durch einen Wasserschleier blicken.
    „Es ist gefährlich, dass Du herkommst!“ hallte eine klare, autoritäre Stimme vom Tal her zu den beiden Frauen empor. „Noch gefährlicher ist es, jemanden mitzubringen.“
    „Es gab keine andere Möglichkeit!“ erwiderte Kanoe kühl und lief auf das Haus zu. „Es wurde für sie zu gefährlich!“
    „Dennoch hättest Du ein anderes Versteck für sie finden müssen!“
    Eine schwarzhaarige Frau trat aus dem Schatten des Hauses hervor. Ihr hüftlanges, dichtes Haar fiel gewellt über ihren Rücken hinunter. Sie trug einen langen, weiten, schwarzen Rock und bedeckte ihre Schultern mit einem schwarzen, durchsichtigen Schal.
    „Das ist Lamia!“ stellte Kanoe die Fremde vor. „Sie gehört zum obersten Hexenzirkel und ist seit Jahrzehnten die Hüterin.“
    „Die Hüterin von was?“ fragte Deg. Die beiden schwarzhaarigen Frauen warfen sich einen viel sagenden Blick zu. Ohne zu antworten schritten sie in das Haus. Deg sah sich noch einmal um und rannte ihnen hinterher. Sie hörte, wie sich hinter ihr die Landschaft wieder veränderte.
    Das Innere des Gebäudes wirkte wesentlich geräumiger, als sie es geschätzt hätte, und vor allem war es sogar verhältnismäßig gemütlich eingerichtet. Ein schwaches Feuer glimmte im Kamin, mehrere Kerzen erhellten zusätzlich den Raum. Deg fragte sich, was mit dem Rauch geschah, denn von draußen war davon nichts zu sehen gewesen.
    Lamia führte die Beiden in den Keller.
    „Was…?“ platze es aus Deg heraus. Lamia trat beiseite und überlies Kanoe das Wort.
    „Das ist das Herzstück unseres Unterfangens!“ antwortete diese.
    Mitten im Keller stand ein großes, rechteckiges Gebilde. Seine Oberfläche glänzte schwarz- purpurn im schummrigen Licht. Deg spürte, dass eine starke Kraft von diesem Objekt ausging.
    „Zeig es ihr!“ wand sich Kanoe an die Hexe.
    Die dunkle Hülle verschwand, ein durchsichtiger, riesiger Kristall wurde sichtbar.
    „Oh mein Gott…!“ stotterte Deg und stolperte rückwärts. Fasziniert starrte sie auf das Gebilde, vor allem auf die darin erkennbaren Gestalten.
    „Verstehst Du jetzt, wieso niemand von diesem Ort erfahren darf.“ fragte Kanoe. Deg konnte nur nicken, ihre Augen waren weit aufgerissen.
    „Es ist unsere stärkste Waffe!“ fuhr Kanoe fort. Deg nahm den Anflug von Stolz in ihrer Stimme kaum wahr. „Diese Welt kann nur noch gerettet werden, wenn wir die Menschheit restlos auslöschen. Und mit ihrer Hilfe werden wir es bewerkstelligen!“


    Es ist 5 Uhr Nachts und ich schreibe WW ^^ Ich hoffe das liest noch jemand... Kapitel 8 folgt bald...
    Geändert von darkgemini (17.10.08 um 02:31 Uhr)

  11. #299
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    KAPITEL 8

    Überrascht sah Elbin in das verdreckte Gesicht einer Frau um die Vierzig. Das schulterlange, blonde Haar stand zersaust ab. Elbin hatte aufgegeben, sie war bereit alles über sich ergehen zu lassen, sie würde sich nicht mehr wehren. Aber nichts geschah. Erst jetzt fiel Elbin auf, dass die Frau direkt aus den Trümmern des Parlamentsgebäudes gekommen war.
    „Es ist noch nicht vorbei!“ brach Yolanda das Schweigen. Vorsichtig reichte sie Elbin die Hand und half ihr aufzustehen. Sie riss ein Stück ihrer Bluse entzwei und verband provisorisch Elbins Bein. Als Yolanda geendet hatte, blickte sie ihr direkt in die Augen. „Ich bin mir sicher, Du hast viele Fragen, aber dazu fehlt uns die Zeit.“
    „Wo haben sie die weißhaarige Frau hingebracht?“ wollte Elbin wissen. Ihre Augen hatten einen matten, getrübten Ton angenommen, es wirkte, als würde man in tiefe Leere blicken.
    „Das war Prinzessin Hinoto. Sie ist…!“
    „Wo wurde sie hingebracht?“ unterbrach Elbin Yolanda.
    „Du kannst dort nicht alleine hin! Das ist Selbstmord!“ rief die Hexe aus. Elbin sah zu Boden, ihre Stimme verriet, dass die Entscheidung bereits getroffen war.
    „Ich habe meine Familie und mein Leben bereits verloren. Und dafür sollen sie bezahlen!“
    Yolanda hielt inne. Die Entschlossenheit, die Elbin ausstrahlte, war beängstigend. Endlich fuhr sie fort:
    „Ich kann nicht garantieren, dass Hinoto tatsächlich an dem Ort ist, den ich vermute. Aber ich werde Dich zu dem Konzernsitz bringen, zu den Verantwortlichen, die hinter allem stecken, sofern Du Dir sicher bist!“
    Elbin nickte kurz.
    „Und Du kennst den Preis?“ fragte Yolanda erstaunt und atmete tief ein. „Also gut. Ich werde Dir alles mitteilen, was ich weiß, vor allem über Deine Fähigkeiten. Du hast sie gewiss schon unbewusst freigesetzt. Ich werde Dir zeigen, wie Du sie auf die Schnelle nutzen kannst, Himmelsdrache Elbin!“

    Catherina stand hinter Bozzs Schreibtisch und musterte den Polizisten argwöhnisch. Das helle Zimmer war in modernem Stil eingerichtet, die großen Panoramafenster an der Fassade dominierten den Raum.
    „Und Du bist Dir wirklich sicher, dass Tigress tot ist?“
    „Ja!“ antwortete Romulus. „Ich habe eine spezielle Werwölfin beauftragt. Soweit ich weiß, wird sie überall nur „Jägerin“ genannt, bisher ist ihr niemand entkommen!“
    Catherinas Augen spiegelten ihr Entsetzen wieder. Romulus bemerkte, wie ihre Finger zu zittern anfingen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, nur am Rande registrierte sie, wie sich die Nägel in ihr Fleisch bohrten.
    „Die Jägerin?“ wiederholte sie tonlos. „Wer hat sie Dir empfohlen!“ Es kostete sie sichtlich Mühe, ihre Hysterie unter Kontrolle zu halten.
    „Kanoe!“ antwortete er, darauf bedacht, nichts Falsches zu sagen.
    „Du Narr!“ fauchte sie. „Kehr zurück und führ den Auftrag aus. Die Polizistin ist noch immer am Leben!“
    „Aber Kanoe hat selbst…!“
    „Du verstehst nichts!“ schrie Catherina außer sich. „Bring es zu Ende. Und wage es nicht ohne Beweis für Tigress Tod zurückzukehren!“
    Romulus spürte, dass er einen Nerv getroffen hatte. Er musste dringend mehr über die Jägerin in Erfahrung bringen. Hastig eilte er aus dem Zimmer und ließ Catherina alleine.
    Die Werwölfin stützte sich auf dem Schreibtisch ab. Rachel, ausgerechnet sie! Catherina wusste, dass die Jägerin alles hergeben würde, um an sie heranzukommen. Sie musste Rachel loswerden, genauso wie Tigress. Vielleicht würde sie sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Ein diabolisches Lächeln umspielte ihre blutroten Lippen, als sich der Plan zu formen begann.

    „Hast Du Dich wieder beruhigt?“ fragte Lamia und trat von hinten an Deg heran.
    „Ich verstehe noch immer nicht, wie sie es geschafft hat.“ antwortete diese und starrte auf das knisternde Feuer im Kamin. Der Schreck von dem Anblick saß selbst nach mehreren Stunden tief.
    „Wir mussten es geheim halten.“ erwiderte Lamia und setzte sich zu Deg. „Seit Jahren ist der Hexenzirkel darum bemüht, dass niemand erfährt, was wir hier verbergen. Kanoe muss sehr viel Vertrauen in Dich hegen, sonst hätte sie Dich nicht hierher gebracht!“
    „Sie hat mich zum zweiten Mal gerettet. Wir hätten sie nicht gehen lassen sollen. Bozz wird sie…“
    „Sie wird zurecht kommen!“ unterbrach Lamia Degs plötzlichen Ausbruch. Die Flammen flackerten kurz auf und erhellt ihr Gesicht. „Das ist etwas, was ich an Kanoe bewundere, diese Stärke. Hast Du Dir jemals überlegt, wie viel Kraft es erfordert gegen das Schicksal anzutreten? Zu versuchen, diese Welt zu verändern, obwohl jeder gegen einen steht? Sie kämpft mit der gesamten Menschheit, um diese Welt zu retten. Und sie erwartet dafür nichts, sie erhält nichts!“
    „Ihr kennt Euch schon lange, nicht wahr?“ fragte Deg und blickte zu der Hexe. Diese strich sich das lange schwarze Haar hinter das Ohr zurück, ehe sie antwortete.
    „Seit vielen Jahren, ja. Seit ihrer Kindheit wurde Kanoe im wahrsten Sinne des Wortes wie Dreck behandelt. Ihre Schwester Hinoto ist wesentlich begabter. Hinzu kam Hinotos Behinderung, weswegen sich jeder um sie sorgte. Kanoe war hingegen als Missgeburt abgestempelt, ironisch, nicht wahr? Ihre Mutter empfand sie als Familienschande, weil ihre Kräfte zu einer vollen Traumseherin nicht ausgefeilt genug waren. Sie kann lediglich in die Träume anderer eindringen. Daher verbrachte sie einen Großteil ihrer Kindheit alleine, in der freien Natur, es entwickelte sich eine tiefe Verbundenheit. Aber dann muss etwas geschehen sein, ich weiß bis heute nicht, was es war: Von einem Tag auf den anderen hat Kanoe beschlossen, die Natur von dem Menschen zu befreien. Ich erinnere mich noch gut an das entschlossene Leuchten in ihren Augen. Seit diesem Tag hasst sie die Menschen und wird erst Ruhe geben, wenn diese Welt von ihnen befreit ist!“
    Deg blickte wieder auf die Flammen. Alles, was gesagt werden musste, war gesagt. Jetzt konnten beide nur noch dasitzen, dasitzen und abwarten.

    Patterknife hob die Hände. Er spürte die Magie deutlich, seine Haut prickelte. Es war ein sehr mächtiger Zauber, und er war gut getarnt, dass musste er zugeben. Zweifellos war das Kanoes Versteck, ihr wahres Versteck!
    Er zog sich zurück in den Schatten eines Baumes. Jetzt galt es zu warten. Es würde eine Weile dauern, bis er den Schutzzauber durchbrechen konnte, aber nach all den Jahren war er in Geduld geübt. Er würde sich gewiss nicht von einer Hexe aufhalten lassen.
    Jetzt nicht mehr!

    Der Hall ihrer Schritte verirrte sich in den leeren Korridoren, der gesamte Laborbereich war verlassen.
    Eine dunkle Vorahnung beschlich Kanoe, als sie die unterste Ebene betrat. Sie war fort!
    „Er hat alles mitgenommen, den ganzen Behälter!“ erklang eine Stimme neben ihr. Sciarh saß auf einer niedrigen Treppe.
    "Ich gebe zu, damit habe ich nicht gerechnet. Es wird interessant! Warum bist Du hier geblieben?" fragte sie, allerdings kannte sie die Antwort bereits.
    "Bozz ist darauf fixiert seine Machtposition im Konzern zu halten. Er blockiert zunehmend unsere Ziele, und letztendlich liegt hier meine Aufgabe!"
    "Dann sind wir uns wohl einig!" pflichtete Kanoe bei. Sie sah sich noch einmal im Labor um. Es bot die perfekte Tarnung, direkt unter dem Sitz des Bürgermeisters. Allerdings war es ohne Deg und der Konzernleiterin nutzlos.
    "Was werden wir jetzt machen?" fragte Sciarh und trat neben Kanoe. Seine Augen wirkten wie immer leblos, einer Maschine gleich erfüllte er seine Pflicht, nicht mehr und nicht weniger.
    "So oder so wird er erneut versuchen mich umzubringen. Ich scheue nicht die Konfrontation, wir gehen direkt in das Herz seines Unternehmens!"

    „Das war vollkommen unnötig!“ erwiderte Bozz aufgebracht.
    „Sie hat in meiner Wohnung rumgeschnüffelt, ich konnte nicht riskieren, dass sie etwas herausfindet!“ versuchte Pothe sich zu rechtfertigen.
    „Wenn jemand spurlos verschwindet, gewinnen wir Zeit, bis es jemandem auffällt. Diese Zeit fehlt uns bei einem Mord. Ich möchte nicht, dass der Konzern mit Chis Tod in Verbindung gebracht wird!“ Der stellvertretende Konzernleiter umklammerte den Hörer; der Kunststoff knarrte gefährlich, als würde er jederzeit brechen.
    „Die Leiche ist schon beseitigt. Alles deutet auf einen Raubüberfall hin. Ich werde alles so arrangieren, dass wir notfalls die Schuld auf eine der Schwestern schieben können, je nachdem welche für unser Vorhaben unnütz wird!“
    „Bereite alles vor. Hinterlass keine Spuren und kehre zum Konzern zurück!“ befahl Bozz und legte auf.
    Pothe starrte einen Augenblick lang auf das Telefon. Er befand sich in Alaynnas Haus und beseitigte die restlichen Hinweise, die den Verdacht auf ihn lenken könnten. Eine einzelne, pfirsichfarbene Nachtischlampe spendete mattes Licht, er wollte so wenig Aufsehen erwecken wie möglich.
    Pothe trat auf den dunklen Flur raus und holte seine Tasche, in die er die wichtigsten Gegenstände hineinlegte, als ein gedämpftes Poltern aus Antiflags Zimmer erklang. Irritiert hielt er inne. Laut Bozz waren beide Schwestern unter Kontrolle. Vorsichtig tastete er nach der Kommode und zog die oberste Schublade auf um eine große Stabtaschenlampe herauszuholen. Langsam ging er auf die Tür zu, sein Herz pochte laut in dem stillen Haus. Pothe griff nach der Türklinke und holte tief Luft. Er schlug die Tür auf und leuchtete mitten in das Zimmer; ein lauter Knall entstand, als das Holz gegen die Wand prallte. Niemand war zu sehen. Misstrauisch untersuchte Pothe jede Ecke des Raumes; nichts! Verächtlich schnaubte er auf und schaltete die Taschenlampe wieder aus. Er musste über sich selbst schmunzeln und wand sich ab, nur um direkt in dunkelgrüne Augen einer fremden Frau zu blicken. Erschrocken wich er zurück.
    „Wer bist Du?“ fragte er aufgebracht.
    Die fremde Frau neigte ihren Kopf zur Seite und musterte ihn merkwürdig. Das lange, dunkle Haar fiel ihr glatt bis zur Hüfte, ihr Gesicht verriet keine Regung.
    „Antworte, was treibst Du hier?“ seine Angst wich seiner Wut. Er umklammerte den Griff der Taschenlampe fester, bis seine Knöchel weiß hervortraten, und bereitete sich auf einen Angriff vor.
    „Die beiden Schwestern, wo sind sie?“ fragte die Frau in einem gleich bleibenden Tonfall. Ihre Stimme war ruhig und fest. Sie trug eine dünne, weiße Bluse und einen grünen Rock.
    Pothe spürte die Gefahr, die von der Fremden ausging. Eine Gänsehaut jagte ihm über den Rücken, instinktiv wich er weiter zurück.
    „Du hast sie verletzt!“ stellte Nr. 3 fest, zeigte aber weiterhin keine Emotion.
    „Woher…?! Wer bist Du?“ Seine Stimme überschlug sich vor Aufregung.
    Ein kräftiger Ruck durchfuhr seinen Körper, woraufhin sein Körper von einer unsichtbaren Kraft gegen die gegenüberliegende Wand geschleudert wurde. Er stöhnte laut auf; in seinem Kopf hämmerte es. Überrascht erkannte er, dass sich sein Körper noch immer in der Luft befand.
    „Was..?!“ entfuhr es ihm, aber er konnte seine Frage nicht beenden. Sein linker Arm wurde hochgerissen, das Knacken der Knochen ging unter seinen Schreien unter. Pothe presste die Zähne zusammen, er spürte, wie er sich ein Stück Fleisch abbiss. Sein Körper war wie gelähmt, so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht bewegen. Er spannte seine Muskeln an und versuchte einen Stuhl vor sich zu erreichen, vergeblich.
    „Die Schwestern, wo sind sie?“ wiederholte Nr.3 monoton und riss ihn von der Wand fort, nur um ihn wieder gegen diese zu schleudern.
    „Was bist du?“ ächzte er. Angstschweiß bildete sich auf seiner Stirn, als seine Gliedmaßen gespreizt wurden. Ihre Augen weiteten sich ein kleines Stück, gleichzeitig wurde Pothe auseinander gerissen. Seine Überresten bedeckten einen Großteil des Zimmerbodens, das Blut verdunkelte die Wand, doch Nr. 3 zeigte nach wie vor keine Reaktion.
    Sie spürte, dass die Schwestern hier waren, vor nicht allzu langer Zeit. Und sie spürte ihre Fährte!

    Die Wachmannschaften trugen schwarze Uniformen, ihre Kugelsicheren Westen verliehen ihren durchtrainierten Körpern zusätzliche Fülle. Alle Gewehre waren auf zwei Gestalten in der Mitte eines Kreises gerichtet, welche im Vergleich zu den Männern zierlich und unscheinbar wirkten.
    Die große, eiserne Doppeltür glitt beiseite, Bozz trat gefolgt von weiteren Wacheinheiten ein.
    "Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich hier noch mal blicken lassen, Kanoe. Das erspart uns die Suche!" verkündete er lächelnd.
    “Führt sie ab!“ befahl er mit einem Kopfnicken den Männern.
    „Nicht so schnell. Aus welchem Anlass?“ forderte Kanoe zu erfahren.
    Bozz blickte geringschätzig auf Kanoe nieder und trat näher. „Wie wäre es mit der Ermöglichung der Flucht einer Gefangenen!“
    „Eine Gefangene, die von Ihnen recht schnell beseitigt werden sollte. Deg war die ganze Zeit mit mir alleine, wenn sie mich tatsächlich hätte töten wollen, besaß sie mehr als eine Gelegenheit dazu!“ erwiderte Kanoe gelassen. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke, doch Bozz zeigte sich unbeeindruckt. Kanoe beschloss fortzufahren: „Gibt es etwa einen Grund, weswegen sie genauere Ermittlungen fürchten?“
    „Ein Anschlag auf Sie, die Flucht von Nr. 3, die Deg mit ihren Kenntnissen auch aus dem Zentrallabor hätte ermöglichen können, all das hat mich dazu gezwungen die Konzernleiterin in Sicherheit zu bringen und jede Gefahr auszuschalten. Meine Sorge gilt allein dem Konzern!“ Damit wand er sich wieder den Männern zu. „Ich sagte doch, abführen!“
    „Solange Deg nicht überführt ist, haben Sie hierfür kein Recht!“ protestierte Kanoe. „Sie…!“
    „Sie verstehen nicht, Kanoe.“ unterbrach er Sie. „Sie haben keine Rechte. Sie befinden sich in meinem Konzern, ihr Wort hat kein Gewicht!“
    „Die Befehle der Konzernleiterin waren eindeutig. Solange sie ruht bin ich für ihre…!“
    „Die Konzernleiterin ist nicht einsatzbereit!“ Bozz erhob seine Stimme. Sein abfälliges Grinsen wich einem wütenden Gesichtsausdruck. „Falls es ihnen noch nicht aufgefallen ist: Ich vertrete die Leiterin!“
    Damit lief er zu der Doppeltür zurück.
    „Und nur zur ihrer Erinnerung: Ich bin die direkte Sekretärin des Oberbürgermeisters, des Oberbürgermeisters einer Millionenstadt. Wenn in solch hohen Kreisen jemand spurlos verschwindet, wird immer nachgeforscht!“
    Bozz blieb stehen, seine Augen blitzten gefährlich auf.
    „Tatsächlich, wie könnte ich das vergessen. An einem Tag, an dem ein Tornado die Stadt verwüstete und es unzählige Vermisste gab. Und selbst wenn, ein Raubmord, ein Unfall, es gibt genügend Möglichkeiten!“
    Die Wachmänner traten näher an Kanoe heran, sie blickte zurück, doch sie war umzingelt.
    „Es ist aus, Kanoe. Ich weiß nicht was Sie sich dabei gedacht haben, aber Sie hätten niemals herkommen dürfen!“
    „Ihr Konzern interessiert mich nicht, sondern lediglich das Wohl der Konzernleiterin!“
    Zwei Männer traten näher heran und versuchten Kanoe zu packen, sofort stellte sich Sciarh schützend vor die Traumwandlerin.
    „Bleib ruhig!“ sagte sie und hielt ihn zurück. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand hier den Fehler begehen würde, sich mit einem Windmagier anzulegen!“ erwiderte sie gefasst.
    Bozzs Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, seine Unterlippe begann zu zittern. Verunsichert blickten ihn die Männer an, Knaoe und Sciarh standen einfach nur da. Plötzlich begann er zu lächeln.
    „Selbstverständlich nicht, Kanoe. Doch solange die Untersuchung des Ausbruches von Nr. 3 nicht abgeschlossen ist, kann ich Sie nicht zur Konzernleiterin lassen. Natürlich können sie sich jederzeit über ihr Wohlergehen informieren. Sie können sich frei in der Anlage belegen, zumindest in Sicherheitszone eins, alle anderen Bereiche bleiben gesperrt!“
    Wortlos gaben die Männer den Weg frei. Kanoe atmete tief durch und trat mit Sciarh in das Hauptgebäude ein.
    Bozz winkte einen der Männer zu sich heran: „Du kennst die Befehle. Sobald sie in die Nähe der Konzernleiterin gerät, sprengst Du beide in die Luft, den gesamten Bereich!“
    Der Mann nickte und wand sich ab.
    Ein siegessicheres Lächeln trat auf Bozzs Lippen. Kanoe brauchte die Konzernleiterin, dass war ihm bewusst, und das würde ihr zum Verhängnis werden!

    Tigress spürte, wie ihre Kraft schwand. Ihre Lungen brannten, sie spürte nur noch das Verlangen nach Sauerstoff. Aber Rachel hielt sie fest, keiner von Tigress Angriffen brachte sie aus der Fassung. Sie griff nach einem Holzstück und schlug Rachel gegen den Kopf, ohne Erfolg. In einem letzten verzweifelten Versuch grub sie ihre Nägel in Rachels Gesicht und hinterließ blutige Striemen. Die Augen der Polizistin ermatteten, ihre Hand fiel schlapp zu Boden.
    Ein helles, violettes Licht strahlte direkt vor Rachel auf, kurz darauf spürte Tigress die erfrischende Kühle von Sauerstoff. Das Gewicht ihrer Angreiferin war verschwunden, hustend drehte sie sich zur Seite, ihr Körper zuckte unkontrolliert unter heftigen Krämpfen. Auf wackeligen Beinen versuchte sie sich aufzurichten.
    Rachel schüttelte den Kopf, Blut floss an ihrer Wange herab. Das Muster des Kraftfeldes, welches erschienen war, kannte sie nur allzu gut.
    "Hinoto!" zischte sie hasserfüllt.
    "Flieh, Tigress." erklang Hinotos Stimme. Die Polizistin versuchte such zu beruhigen, der Raum um sie herum drehte sich nach wie vor. "Zur Sakurastraße 14, es gibt nur ein Komplex, der sich im Wald befindet. Dort findest Du alle Antworten. Wir brauchen Dich, schnell!"
    Rachel kniff ihre smaragdgrünen Augen zusammen. Blitzschnell zog sie einen Dolch aus ihrem Gürtel und warf ihn gegen Tigress. Wieder leuchtete das violett glühende Kraftfeld auf, der Dolch prallte daran ab. Tigress stolperte mehrere Schritte rückwärts und hielt sich noch immer die Hände an die Kehle. So schnell es ihr möglich war taumelte sie zur Tür und rannte hinaus.
    "Du verschaffst ihr nur mehr Zeit. Dein Kraftfeld hält nicht ewig!" brüllte Rachel in den leeren Raum hinein.
    "Ich bitte Dich, lass Dich nicht von Deinen Rachegefühlen beherrschen!" hallte Hinotos Stimme von den Wänden wieder. "Besinn Dich auf alles was Du dadurch verloren hast!"
    "Halt den Mund!" Rachels Gesicht verzog sich zu einer Fratze und strahlte puren Hass aus. Sie knirschte mit den Zähnen und suchte den ganzen Raum ab.
    "Ich bitte Dich, lass los von Deinem Zorn!" fuhr Hinoto sanft fort.
    "Sie hat recht!" mischte sich Darktiger ein und trat aus dem Hintergrund hervor. "Dein Ziel, an Catherina heranzukommen, hat nichts mit unserer Aufgabe zu tun!"
    "Misch Dich nicht ein!" fuhr ihn die Werwölfin an. Das blonde Haar fiel ihr in mehreren Strähnen in das Gesicht und entblößte teilweise eine längliche Narbe. Darktiger zuckte zusammen, in all den Jahren hatte ihn Rachel noch nie derart angeschrieen.
    "Ist es das, was Du willst?" konterte er. "Dich für etwas zu rächen, dass weit in der Vergangenheit liegt, ohne Rücksicht auf Verluste?!"
    "Du verstehst es nicht!" antwortete sie wesentlich ruhiger.
    "Ich verstehe sehr gut!" fügte er mitleidvoll an. "Wir alle haben große Verluste erlitten und jemanden verloren, der uns Nahe stand. Aber Du darfst unsere eigentliche Aufgabe nicht aus den Augen verlieren!"
    Rachel blickte zu ihm auf, ihre Augen schimmerten. Es war das erste Mal, dass er sie weinen sah. Beflügelt durch ihre Reaktion nahm Darktiger neue Kraft auf. "Wir tragen die Verantwortung für die letzten Mitglieder aus Lykanas Clan. Rachel, Du hast versprochen ihr Erbe anzutreten und die Werwölfe wieder zur alten Stärke zurückzuführen. Du wolltest sie beschützen! Es ist Zeit, dass wir aufhören uns zu verstecken. Lykana wollte diesen Krieg beenden. Erinnere Dich, was Du nach Diabkon geschworen hast! Dein Schwur, den Du als Wächterin geleistet hast!"
    Tief in ihrem Inneren regte sich etwas. Rachel spürte, wie ihre Gefühle die Kontrolle zu übernehmen drohten. Ihr ganzer Körper zitterte.
    "Lass uns diesen Krieg endlich beenden.“ fuhr Darktiger sanft fort. „Lykanas Traum war es eine Welt zu schaffen, in der Menschen und Werwölfe in Frieden nebeneinander existieren können. Wir sind beide vom Weg abgekommen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diesen Traum zu realisieren, aber ich schaffe es nicht ohne Deine Hilfe!" bat er. Zögerlich streckte Darktiger seine Hand aus und legte sie Rachel auf die Schulter. Stolz blickte sie zur Seite, sie wollte keine Blöße zeigen. Die Erinnerungen an die verwüstete Landschaft kamen wieder.
    "Lass los, Rachel. Überleg Dir, was Du Dir einst vorgenommen hast und was Du jetzt machst, es ist nicht mehr dasselbe. Lass Deine Rache los und besinne Dich auf das, was Du ursprünglich erreichen wolltest! Bitte"
    "Nein!" kreischte Rachel und riss Darktigers Arm runter. Mit einem gezielten Griff packte sie ihn am Kinn und stieß ihn von sich. Er prallte ächzend gegen die Wand und fiel zu Boden.
    Was Catherina ihr angetan hatte durfte nicht ungestraft bleiben. Ihretwegen war Lykana gestorben, ihretwegen waren die Werwölfe so geschwächt. Rachel erinnerte sich nur zu gut an ihren Schwur. Sie hasste Werwölfe, sie hasste es, was sie aus ihr gemacht haben. Zwar trat sie Lykanas Stelle an, aber sie würde im Geiste niemals eine von ihnen werden.
    Ihr Gesicht verfinsterte sich. Tigress konnte noch nicht allzu weit gekommen sein, vor allem wusste sie, wohin sie wollte. Doch bevor sie hinausgehen wollte, hielt die Jägerin inne. Etwas stimmte nicht. Darktiger lag noch immer bewusstlos am Boden. Vorsichtig trat sie näher und musterte ihren Gefährten. Die Augen waren weit geöffnet, sein Kopf unnatürlich zur Seite gedreht.
    "Bitte nicht!" schluchzte sie auf und packte ihn vorsichtig am Arm. "Wach auf, bitte!" flehte sie, dieses mal konnte sie die Tränen nicht zurück halten.
    Sein Körper hing schlaf in ihren Armen, sie spürte keinen Puls.
    "Ich habe das nicht gewollt!" flüsterte sie und drückte ihn an sich. Sie hatte ihre Kraft überschätzt, der Stoß hatte ihm das Genick gebrochen.
    Rachels Muskeln spannten sich wieder an.
    Dafür würde Catherina bezahlen!

    „Weiter kann ich Dich nicht bringen!“ teilte Yolanda Elbin mit. Die dunklen Mauern ragten gegen die Häuserfassade empor. Der gesamte Komplex zog sich weit in den Wald hinein, die Bäume boten eine nahezu perfekte Tarnung.
    Noch immer konnte Elbin nicht fassen, was ihr Yolanda erklärt hatte. Und sie wollte es auch nicht glauben, bis Yolanda ein Schutzschild direkt vor ihr errichtet hatte.
    Die Hexe hatte versucht Elbin so viel wie möglich über die Fähigkeiten der Himmelsdrachen beizubringen, aber die junge Frau stand unter Schock. Es dauerte Jahre, bis jemand seine Kräfte gezielt einsetzen konnt, Zeit, die ihnen fehlte!
    „Ich danke Dir!“ antwortete Elbin geistesabwesend.
    „Wenn Du noch näher herangehen wirst, werden sie Dich entdecken. Du solltest umkehren!“ bat Yolanda erneut, aber Elbin nahm davon keinerlei Notiz. Wortlos marschierte sie weiter auf das größte der Gebäude zu.
    „Pass auf Dich auf!“ sagte Yolanda leise. Eine dunkle Vorahnung überkam sie, alles geschah genauso, wie Hinoto es vorhergesagt hatte. Der Gedanke an die Prinzessin verlieh ihr neue Kraft. Sie musste schnell zurück in die Stadt, es gab noch etwas Wichtiges zu erledigen!
    Elbin lief durch das dichte Unterholz, kleinere Sträucher mit Dornen zerkratzen ihre Haut. Sie wusste selber nicht genau, was sie vorhatte. Sie wollte einfach wissen, wer hinter allem stand, wer für das Alles verantwortlich war, sein Gesicht sehen. Anschließend wollte sie einfach nur noch schlafen, eine Vorstellung, die ihr inneren Frieden verlieh. Sie wollte diesen Alptraum beenden!

    Mehrere kleinere Warnlämpchen leuchteten auf.
    „Was gibt es?“ fragte Tedaon und trat in die Überwachungszentrale ein.
    „Wir haben einen Eindringling!“ erklärte ihm die führende Sicherheitsbeauftragte. „Eine Frau, sie nähert sich dem östlichen Tor!“
    Tedaon gab mehrere Befehle ein und vergrößerte das Bild.
    „Sie hat uns tatsächlich gefunden!“ stellte er fest.
    „Soll ich die Wachen losschicken?“ fragte ihn die Frau. Wie alle anderen trug sie eine schwarze Uniform, die zu ihrem Kurzgeschorenen, hellblonden Haar passte.
    „Nein!“ erwiderte Tedaon. „Ich kümmere mich selbst um sie!“
    Wenige Augenblicke später befand er sich im Schutz eines Baumes, nur wenige Meter von Elbin entfernt.
    „Dieses mal, bin ich vorbereitet!“ flüsterte er zu sich selbst. Geräuschlos zog er die Sicherung seiner Waffe, nur noch wenige Meter, und die tödliche Falle würde zuschnappen!

    Der Wind wehte durch die toten Straßen. Zwei einsame Gestalten lagen am Boden vor dem Regierungsgebäude, fest aneinander geklammert. Sie hatten den letzten Hoffnungsschimmer genutzt, der ihnen übrig geblieben war, bevor sie starben.
    Die Erde begann zu vibrieren, mehrere Hochhäuser gerieten ins Schwanken und stürzten ein. Ein tiefes, dröhnendes Geräusch jagte durch die verlassene Stadt. Direkt hinter dem Gebäude erhob sich eine große, dunkle Gestalt dem Himmel empor, ihre Augen glühten auf. Eine schwarze Masse, ähnlich wie Asche, breitete sich von dem Wesen aus und wurde in alle Richtungen gestreut. Alles, was es berührte, begann sich aufzulösen, die Gebäude brachen Kartenhäusern gleich in sich zusammen. Die letzten Überlebenden versuchten sich schreiend in Sicherheit zu bringen, vergebens. Nach wenigen Minuten war die gesamte Stadt von der tödlichen Wolke erfüllt, unaufhaltsam breitete sie sich weiter aus.
    Immer wieder war Hinoto gezwungen diesen Traum anzusehen. Derselbe Anblick bot sich in sechs weiteren Städten weltweit.
    „Sieh es ein, Schwester, dies ist die einzig mögliche Zukunft!“ sagte Kanoe und drang in Hinotos Traum ein.
    „Das ist nicht wahr!“ erwiderte Hinoto. „Ich habe meinen Glauben an die Menschen nicht verloren!“
    Kanoe trat direkt vor Hinoto und packte diese am Kinn. Mit einem Ruck zog sie das Gesicht ihrer Schwester dicht vor ihr eigenes.
    „Seit tausenden von Jahren können die Menschen diese Hoffnung nicht erfüllen. Die Erde stirbt, nicht irgendwann, sondern jetzt! Sie hat bereits begonnen sich gegen diese Krankheit zu wehren, ansonsten wären wir nicht hier!“
    „Die Zukunft wird zeigen, dass…!“
    „Es gibt keine Zukunft!“ schnitt Kanoe Hinoto das Wort ab. „Die Erde stirbt, in der Gegenwart! 2036 haben die Menschen diese Welt derart zugrunde gerichtet, dass jegliches Leben ausgelöscht sein wird. Es ist keine ferne Zukunft mehr! Und wir beide werden es miterleben.“ Kanoe ließ Hinoto los und stieß sie von sich. „Die Menschen werden sterben, egal welche Alternative du wählst. Allerdings können wir die Erde retten, wenn wie sie rechtzeitig von dieser Seuche befreien! Und nur darauf kommt es an.“
    „Du irrst Dich Kanoe!“ erwiderte Hinoto mit klarer Stimme. „Es sind nicht die Krieger oder die Himmelsdrachen, in die ich meine Hoffnungen setze, sondern gewöhnliche Menschen; Frauen die sich für Gerechtigkeit aufopfern, Mütter, die alles tun, um ihre Söhne zu retten. Dass sind die Helden auf die ich meine Hoffnungen stütze, und diese Menschen werden eine Wende herbeiführen!“
    „Ein Risiko, dass ich nicht eingehen werde, geliebte Schwester!“ erwiderte Kanoe kalt und wand sich zum Gehen. „Ich werde Dir Deine Wahl erleichtern und beweisen, dass es von Anfang an nur die eine Zukunft gab. Dein Traum, in der die Menschen zur Vernunft kommen, ist falsch! Ihr Schicksal ist besiegelt!“
    „Warte Kanoe!“ rief Hinoto hinterher, als sich Kanoes Erscheinung auflöst. „Kanoe!“
    Der Traum zerbrach in mehrere Scherben und Hinoto kam in der Gegenwart wieder zu sich. Obwohl sie die Augen geschlossen hatte, wusste sie, wo sie sich befand: Die Außenstelle des Konzerns: Der Konzern, der heute Nacht so vielen den Tod bringen wird!

    Ich hoffe das 8te Kapitel gefällt Euch... Kapitel 9 (Beginn der finalen Teile) folgt Donnerstag Nacht.

    Kapitel 9

    Die Menschen rannten hektisch durch die Straßen, mehrere Polizeiabsperrungen markierten die Bereiche, die nach ersten Schätzungen einsturzgefährdet waren. Die Rettungskräfte haben koordiniertes Vorgehen schon längst aufgegeben, jetzt galt es jeden zu retten, der zu retten war. Tausende von Menschen waren bereits in dem zerstörten Gebiet eingetroffen und versuchte zu helfen. Im Gegensatz zu den durcheinander rennenden Menschen strahlte der Gebäudekomplex am Berghang eine lauernde Ruhe aus.
    In einem kleinen, unscheinbaren Nebengebäude stand eine dunkle Gestalt und blickte auf die Sonne, deren letzte Lichtstrahlen am Horizont verglommen.
    Sie hatte recht gehabt, mit allem, was sie gesagt hatte. Catherina reagierte genauso, wie Kanoe es vermutet hatte. Romulus blickte auf die Uhr, noch war es zu früh. Sollte Catherina ruhig glauben, dass er zurück in der Stadt sei. Sie hatten keine Ahnung, niemand wusste, welche Rolle er spielte. Seine Aufgabe war fast beendet, allerdings bot sich mit der Feindschaft zwischen Catherina und Rachel eine interessante Möglichkeit an. Es würde die ideale Ablenkung bilden; bis die Anderen überhaupt begreifen würden, was er vorhat, wäre es zu spät. Doch als nächstes musste er sich um Tigress kümmern. Sie würde herkommen und direkt in die Falle gehen.
    Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich in seinen Augen, als sie am Horizont verblassten.

    Etwas regte sich in ihr.
    Alaynna spürte, wie sie wieder zu Bewusstsein kehrte. Ein schmerzliches Pochen fuhr von ihrem Rücken bis hin zu ihrem Kopf, jede Bewegung schien unüberwindbare Kraft zu kosten. Etwas Feines legte sich über ihr Gesicht und breitete sich von ihrer rechten Wange über die Nase bis zum rechten Auge aus.
    Alaynna kniff die Augen fester zusammen und stöhnte leise auf. Sie versuchte sich an die letzen Stunden zu erinnern, die Entführung, die Flucht und schließlich ihr Sturz. Mit dieser Erkenntnis wurde sie schlagartig wach. Der leichte Druck auf ihre rechte Gesichtshälfte ließ nicht nach, es musste ein Tier sein, welches jetzt zurück zu ihrer Nase kroch. Alaynna öffnete die Augen, die Nacht hatte bereits begonnen. Ihr Körper verkrampfte sich, als sie die dicken, glatten Beine der Kreuzspinne erkannte. Mehrere einzelne Fäden wehten direkt über ihrem Gesicht im Wind. Zwei der fleischigen Beine glitten zwischen ihre Lippen. Erschrocken fuhr Alaynna auf und schüttelte das Tier ab, sofort durchfuhr ein stechender Schmerz ihren Körper.
    Alaynna rieb sich die Schläfen und blickte auf, das Fenster, aus dem sie gestürzt war, befand sich direkt über ihr. Direkt darunter befand sich das Dach eines Vorbaues, sonst wäre der Sturz tödlich verlaufen. Es wunderte Alaynna, dass sie bisher noch nicht entdeckt worden war, andrerseits sollte sie dies ausnutzen und von hier so schnell wie möglich fliehen. Vorsichtig spähte sie über den Rand des Daches. Frustriert atmete Alaynna aus, das Gebäude besaß zwei Stockwerke, es war zu hoch um hinunter zuspringen. Die Bäume waren zu weit entfernt, als das Alaynna an ihnen hätte herunter klettern können. Verzweifelt sah sie sich um. Eines der Fenster stand offen, Alaynna schlich sich heran und lauschte. Niemand war zu hören. Sie wagte es einen Blick über die Fensterbank zu werfen, aber in der Dunkelheit war nach wie vor nichts zu erkennen. Sie musste es nur hinunter in den Wald schaffen, die Nacht bot ihr zusätzlichen Schutz um zu entkommen.
    Mit einem entschlossenen Satz sprang sie zurück in den Korridor. Ihr Herz pochte. Alaynna kam ihr Atem viel zu laut vor, als sie den Gang hinunter schlich. Auf der linken Seite befand sich eine große gläserne Doppeltür. Mehrere Schalttafeln blinkten dahinter auf, ein summendes Geräusch war deutlich zu vernehmen.
    Aus der Ferne hallten Schritte durch den Gang, die sich rasch näherten. Alaynna sah sich hektisch um, etwas weiter entfernt stand ein Tisch sowie Kunststoffbehälter an der Wand. So schnell sie konnte rannte sie hinüber und presste sich in eine Lücke, die sich zwischen den Kisten befand. Nervös hielt sie sich ihre Hand auf dem Mund und versuchte ihre gehetzte Atmung zu unterdrücken. Die Person war nur noch wenige Schritte entfernt. Alaynna hielt die Luft an. Die Zeit schien still zu stehen. Wer auch immer den Flur entlang kam, blieb direkt vor ihr stehen. Alaynna wagte keine Regung, ihr Körper zitterte vor Anspannung. Die Person stand immer noch da. Alaynna hielt diese Unwissenheit nicht mehr aus, wenn sie wenigstens einen Blick riskieren konnte, ob derjenige sie entdeckt hatte oder etwas anderes überprüfte. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Endlich entfernten sich die Schritte wieder. Eine Tür wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Alaynna wartete noch einen Augenblick, bevor sie sich erlaubte laut auszuatmen. Zaghaft sah sie hinter ihrem Versteck hervor und stand auf. Sie musste das Gebäude verlassen, so schnell sie konnte.
    Ein kräftiger Schlag auf den Hinterkopf lies sie zu Boden gehen, nur benommen nahm sie den Schatten wahr, der sich bedrohlich über sie beugte.

    Mit angespanntem Gesichtsausdruck beobachtete Bozz die einzelnen Sicherheitsmonitore. Die Bildschirme spendeten das einzige Licht in dem zentralen Überwachungsraum. Auf vier von ihnen war Kanoe aus unterschiedlichen Perspektiven abgebildet. Er verfolgte jeden ihrer Schritte um herauszufinden, was sie als nächstes plante.
    „Wäre eine schnelle Lösung des Problems nicht wesentlich effektiver?!“ erklang es vom hinteren Teil des Raumes. Mit einer Kopfbewegung verdeutlichte Catherina, dass die übrigen Mitarbeiter das Zimmer verlassen sollten.
    „Ich denke, ich habe alles unter Kontrolle!“ beteuerte Bozz und schenkte seine Aufmerksamkeit wieder den Monitoren.
    Gemächlich schlenderte Catherina zu ihm hinüber und betätigte einige Schalter. Auf einem der Bildschirme erschien Elbin, wie sie sich dem Hauptgebäude näherte.
    „Ich wurde über ihr Auftauchen informiert, Tedaon wird sich um sie kümmern!“ stellte Bozz trocken fest.
    „Wir sollten in größerem Denken!“ raunte sie ihm ins Ohr. „Wir haben bereits Hinoto, Kanoe, Tigress wird bald auftauchen und Elbin befindet sich im Anmarsch.“
    Mit einer raschen Handbewegung befahl er ihr zu Schweigen, nachdem er begriffen hatte, worauf sie hinaus wollte.
    „Nun, ich habe von Anfang an eine Erweiterung unseres Plans in Betracht gezogen!“ Ein teuflisches Lächeln umspielte seine Lippen. Die Aufregung leuchtete in Catherinas Augen auf; sie folgte Bozz zu einem Wandtresor, den er mit einer Sicherheitskarte öffnete. Er war der Einzige, der den zusätzlichen Zugangscode kannte. Vorsichtig holte er zwei golden schimmernde Schlüssel heraus, die eine quadratische Form besaßen. Anschließend zog er zwei rotweiße Plastikkärtchen aus einem kleinen Seitenfach und wand sich Catherina zu.
    „Ich denke, so können wir es besser als Unfall darstellen lassen!“ fügte er hinzu und reichte ihr sowohl einen Schlüssel als auch ein Kärtchen.
    „Und was ist mit den Sicherheitsmannschaften und Wissenschaftlern?“ fragte sie, wissend, wie die Antwort lauten würde.
    „Ein notwendiges Opfer! Mit einem Schlag werden wir all unsere Rivalen los. Geh und Deaktivier den Sprengmechanismus für Kanoe im unteren Labor.“ befahl er. „Anschließend warten wir, bis alle im Komplex eingetroffen sind.“
    Voller Ehrfurcht hielt Bozz den Schlüssel auf Augenhöhe hoch und drehte ihn in seinen Fingern hin und her. Das Metall glänzte bedrohlich. „Ich werde persönlich die Reaktorschmelze einleiten. Diese Explosion wird keiner überleben!“ flüsterte er zu sich selbst.

    Alaynna kam wieder zu sich, ihr Kopf schmerzte. Ihre Hände waren stark nach hinten zurückgezogen. Sie versuchte sich aufzurichten, vergeblich. Erst jetzt realisierte sie, dass sie gefesselt war. Ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen, sie drehte den Kopf so weit wie möglich zur Seite, konnte aber nicht viel erkennen. Sie lag auf dem Rücken, Arme und Beine fest zusammengebunden. Allerdings schien dies nicht der Boden zu sein, sondern eine Art Plattform. Nur wenige Zentimeter links von ihr befand sich ein Abgrund, Alaynna konnte nicht erkennen, wie tief es abwärts ging. Erst mehrere Meter weiter hinten konnte sie die Wand mit mehreren chemischen Formeln, Bildern und Tabellen ausmachen.
    „Guten morgen, Alaynna!“ hallte eine Stimme von der anderen Seite des Raumes. „Ich hoffe, Du hast gut geschlafen!“
    Erschrocken drehte diese den Kopf herum und sah zu der Sprecherin auf.
    “Antiflag?!“ entfuhr es Alaynna. „Aber wieso…?“
    „Wieso ich hier bin?“ beendete Antiflag Alaynnas Frage und stellte sich direkt vor ihre Schwester. „Eine Frau gab mir den Hinweis herzukommen. Und wie man sieht, war es dringend notwendig!“
    Langsam beugte sich Antiflag zu Alaynna hinunter. Sie trug ein weites, schwarzes Kleid, das braune Haar fiel offen über ihre Schultern und verdeckte einen Teil ihrer Narbe.
    „Hilf mir, wir müssen hier so schnell wie möglich verschwinden!“ drängte Alaynna und versuchte ihre Fesseln zu lösen.
    „Dir helfen?“ spottete Antiflag verächtlich. „Wieso sollte ich Dir helfen? Warst Du für mich da, als ich Dich brauchte? Hast Du mir jemals bei irgendetwas geholfen?“ Wut schwang deutlich hörbar in ihrer Stimme mit.
    „Das ist kein Spiel!“ schrie Alaynna auf. „“Wer auch immer hinter mir her ist, kann jeden Augenblick auftauchen!“
    „Es war auch kein Spiel, als Pothe …!“ erwiderte Antiflag aufgebracht, allerdings hielt sie inne, bevor sie den Satz beenden konnte, und musterte ihre Schwester eindringlich. Mit einem plötzlichen Ruck packte sie Alaynna am Gesicht und zog diese näher an sich heran, ihre Nägel gruben sich unter Alaynnas Haut. „Du bist wirklich dümmer als ich dachte!“ fauchte Antiflag drohend. „Ich habe Dich nieder geschlagen und herbringen lassen, geliebte Schwester.“
    Alaynna wollte etwas erwidern, aber ihre Stimme versagte.
    „Jedes Jahr, Tag für Tag, musste ich mir Deinen Spott anhören.“ fuhr Antiflag fort. „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich Dich hasse. Und dann, als ich Dich am meisten gebraucht habe, stößt Du mich von Dir.“ Tränen traten in Antiflags Augen, hastig wischte sie diese mit dem Handrücken fort. Ihre Stimme nahm einen ruhigeren, bedrohlicheren Ton an. „Du hast mich alleine gelassen. In dem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich mich wehren musste, ich muss mich von Eurem Urteil befreien! Und als wäre mein Wunsch erhört worden, fand ich Dich hier. Es ist Zeit, dass ich mich von Dir löse. Ich bin nicht schlechter als Du.“
    „Was hast Du vor?! Nicht!“ schrie Alaynna hysterisch auf und wand sich hin und her, doch sie war ihrer Schwester hilflos ausgeliefert.
    Antiflag nahm all ihre Kraft zusammen und schob Alaynna von der Plattform herunter. Der Sturz dauerte nur einen kurzen Augenblick, bevor Alaynna durch die kalte Wasseroberfläche stieß. Vor Schreck schrie sie auf und schluckte umso mehr Wasser, hustend zuckte ihr Körper zusammen. Sie riss die Augen auf und starrte nach oben, die Wasseroberfläche war nicht weit von ihr entfernt, und doch unerreichbar. Ihren Augen brannten von der Flüssigkeit, ihre Lungen verlangten nach Sauerstoff!
    Antiflag schritt langsam die Treppen hinunter. Ihre Handflächen waren fest ineinander gepresst, um das Zittern unter Kontrolle zu bringen. Als sie unten ankam, ging sie um den quadratischen Behälter herum und blickte durch die frontale Glasscheibe. In Antiflags Innerem tobte ein heftiger Kampf, immer wieder stand sie kurz davor zurück zu rennen und Alaynna heraus zu holen. Aber sie wusste, dass dies der einzige Weg war sich von ihrer Schwester zu befreien. Sie würde nie wieder das Opfer sein!
    Mit einer Mischung aus Angst und Entsetzen starrte Alaynna ihre Schwester durch die Scheibe an. Das blonde Haar schwebte einem Schleier gleich um ihren Kopf herum, ihr Körper verkrampfte ein letztes Mal, bevor er scheinbar schwerelos durch den Tank schwebte.

    Die metallenen Schleusen glitten automatisch zur Seite, als sich Kanoe und Sciarh näherten. Wie üblich herrschte in der Kommandozentrale hektisches Treiben. Sciarh deutete zu einem großen Bildschirm, der mitten im Raum stand und von einer handvoll Leute betrachtet wurde.
    „Es freut mich, dass Sie auch die Zeit gefunden haben herzukommen!“ stichelte Bozz, als Kanoe neben ihn trat, ohne sie jedoch eines Blickes zu würdigen.
    „Manche arbeiten, während andere intrigieren!“ erwiderte Kanoe knapp.
    „Ich wünschte nur, Ihre Arbeit würde wenigstens irgendwelche Resultate hervorbringen!“ sagte Bozz so beiläufig wie möglich und studierte einen Bericht.
    „Meine Sorge liegt einzig und allein in der Gewährleistung der höchsten Sicherheitsstufe für die Konzernleiterin. Etwas, das ich in dieser Außenstelle vermisse. Nr. 3 konnte entkommen, Tigress befindet sich wohl auf dem Weg hierher und Elbin steht vor der Tür. Es wundert mich, dass noch keine Leuchtreklame an unserer Fassade befestigt ist, mit der Aufschrift: ‚Für Besucher sei der Eintritt frei’!“
    Bozz klappte das Dossier mit einem lauten Knall zu.
    „Wenn mich Ihre Meinung interessiert, werden Sie danach gefragt! Elbin ist Ihr Projekt, kümmern Sie sich darum.“
    „Es ist alles eingeleitet. Ich bin sicher, dass wir in wenigen Augenblicken…!“
    „Ihre Annahmen haben keinerlei Relevanz!“ unterbrach Bozz Kanoe scharf. „Das einzig Wichtige ist, dass wir so handeln, wie uns befohlen wird!“
    Kanoe riss sich zusammen und nickte widerwillig mit einem zustimmenden Lächeln.
    Auf einem der Bildschirme zeichnete sich eine weitere Gestalt ab, die sich dem Gebäude näherte.
    „Lasst sie eintreten!“ befahl Bozz einem der Männer und schritt ohne eine Antwort abzuwarten aus der Kommandozentrale raus. Auf dem Korridor holte er noch einmal tief Luft. ‚Nur noch wenige Stunden, dann würde sie kriegen, was sie verdiente!
    „Entschuldigen Sie!“ rief ein Mann aufgebracht und rannte den Gang herunter. Völlig außer Atem hielt er vor dem stellvertretenden Konzernleiter und reichte ihm einen schmalen Stapel aneinander gehefteter Zettel.
    „Was ist das?“ fragte Bozz und überflog schnell den Inhalt der ersten Seite.
    „Die Untersuchungsergebnisse der DNS der beiden Schwestern!“ antwortete der Wissenschaftler etwas gefasster. „Ich wollte es Ihnen persönlich mitteilen.“ fügte er hinzu, ohne den Versuch zu unternehmen, seinen Stolz über die Entdeckung zu verstecken.
    „Aber das ist völlig ausgeschlossen!“ gab Bozz knapp zur Antwort.
    „Wir haben die Tests mit beiden insgesamt dreimal durchgeführt, alle führten zum gleichen Ergebnis. Und das bedeutet…“
    „Ich weiß, was es bedeutet!“ schnitt ihm Bozz das Wort ab. „Sie können gehen!“
    Der Mann wollte zunächst noch etwas hinzufügen, doch an Bozzs Gesichtsausdruck erkannte er, dass es besser war, sich zurückzuziehen.
    Der stellvertretende Konzernleiter las noch einmal die Zusammenfassung der Resultate sehr aufmerksam und warf anschließend einen Blick zurück zum Kontrollraum.
    Diese Daten beantworteten seine letzten offenen Fragen. Mit ihrer Hilfe erhielt er endlich den entscheidenden Vorteil um einen Schlag auszuführen, der all seine Gegner vernichten würde.

    Die Nacht hatte bereits begonnen. Die Zweige und Ästen wuchsen in diesem Teil des Waldes besonders dicht beisammen, allerdings wollte Tigress nicht riskieren, auf der Straße zu früh entdeckt zu werden, drum entschied sie sich für diesen Weg. Eine tödliche Stille lag über dem Gebiet, nur vereinzelt nahm sie Geräusche von weiteren Tieren wahr, es schien, als würden sie alle diese Gegen fürchten.
    Ein Zweig knackte unter ihren Füßen laut, das Geräusch wirkte in dieser Stille ähnlich laut wie ein Schuss. Tigress spannte sich an, die Lichter des Komplexes waren nicht mehr weit entfernt. Nichts regte sich.
    Durch das schwache Licht des Mondes verschwommen die Zweige und Äste zu einer dunklen Hülle, die sie umschloss. Ihr Herz raste. Noch immer war niemand zu hören. Etwas raschelte im Gestrüpp rechts neben ihr, erschrocken wirbelte Tigress herum, konnte aber nichts erkennen. Für einen kurzen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, zur Straße zu gehen und den Weg dort fortzusetzen, verwarf diesen jedoch sogleich wieder. Nur aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie etwas links von ihr vorbeihuschte. Sie konnte gerade noch sehen, wie mehrere Blätter hin und her schwangen. Sie fluchte erneut, dass sie ihre Waffe nicht bei sich führte und umklammerte einen dicken Ast so fest sie konnte. Schritt für Schritt setzte sie ihren Weg durch das Gestrüpp fort. Wieder raschelte etwas hinter ihr. Tigress wirbelte herum, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen. Sie lief rückwärts weiter. Theoretisch konnte jemand nur zwei bis drei Schritte von ihr entfernt stehen, ohne dass sie ihn ausmachen würde. Etwas berührte ihre Schultern und ihren Kopf. Ihr Körper verkrampfte. Sie holte Schwung und fuhr herum. Erleichtert stieß sie die Luft aus, vor ihr ragte ein hoher Maschendrahtzaun in die Höhe. Tigress warf den Ast über das Hindernis, wissend, dass sie jetzt wehrlos war. Sie packte die Drähte und kletterte nach oben. Endlich erreichte sie den Boden auf der anderen Seite, die Bäume begannen sich zu lichten. Vorsichtig trat die Polizistin aus dem Wald hinaus, sie befand sich auf der Rückseite der Anlage. Mehrere Gebäude waren um einen großen Hof herum gebaut, der offensichtlich zur Warenlieferung diente. Von einem der Häuser drang ein regelmäßiges, summendes Geräusch heraus, vermutlich befand sich darin eine Art Generator. In wenigen Fenstern leuchtete noch Licht, aber auch hier war keine Menschenseele zu erkennen. Ein Schauer jagte Tigress den Rücken hinunter. Sie hatte sich auf Wachmannschaften, Sicherheitspersonal oder ähnlichem eingestellt, aber nicht auf eine nahezu verlassene Anlage. Sie entschloss sich, ihre Untersuchung beim höchsten Gebäude zu beginnen. Vorsichtig schlich sie über den Hof zu einer kleineren Seitentür. Überrascht stellte Tigress fest, dass diese offen war. Das alles gefiel ihr nicht, es wirkte viel zu sehr nach einer Falle. Dennoch wusste die Polizistin, dass sie nur hier Antworten finden würde. Auf Verstärkung konnte sie nicht zählen, somit trat sie ein. Die Tür führte direkt in ein Treppenhaus. Tigress traute sich nicht das Licht einzuschalten, um kein Aufsehen zu erregen, sie durfte hier nicht erwischt werden. Hilflos stolperte sie durch die Dunkelheit, vereinzelte Fluchtschilder warfen auf den Zwischenstockwerken einen schwachen, grünlichen Schimmer. Die erste Tür, die sie an der Wand blind ertasten konnte, war verschlossen. Allerdings hatte sie bei der Zweiten mehr Glück. Das Schloss öffnete sich mit einem lauten Klacken.
    Tigress blickte in einen dunklen Korridor, auf der linken Seite konnte sie den Innenhof durch die Fenster erkennen. Der Gang bot zahlreiche Stellen, in denen sich jemand verstecken könnte. Aus der Ferne drangen abgedämpfte Stimmen zu ihr durch. Die Polizistin zögerte noch kurz, bevor sie den Gang entlang lief. Auch wenn sie es nicht genauer erklären konnte, jagte ihr der gesamte Komplex eine Gänsehaut ein. Die Stimmen wurden immer deutlicher, endlich kam Tigress an der Tür an, aus der die Stimmen hindurch drangen. Sie spähte durch ein kleines, quadratisches Fenster in der Tür, konnte aber niemanden sehen. Dankbar hob sie den Stock, den sie noch immer mit sich führte, hoch und griff nach der Türklinke.

    Glattes, dunkles Metall schien jedes Licht abzustoßen. Elbin war am Ziel, dass musste der Komplex sein, von dem Yolanda gesprochen hatte. Das Zufahrtstor war komplett geöffnet, das kleine Wärterhäuschen neben dem Zaun verlassen. Die junge Frau lief hindurch und steuerte direkt auf eines der Gebäude zu.
    Eine leichte Windböe erfasste ihr langes, blondes Haar und ließ sie frösteln. Sie trug noch immer nichts weiter als einen Mantel und das weiß - blaue Nachthemd. Die Erinnerung an das Krankenhaus schien so weit zurück zu liegen.
    „Willkommen!“ hallte eine Männerstimme über den Vorplatz. Erschrocken fuhr Elbin herum. Direkt neben dem Zaun stand der Mann, der sie die ganze Zeit über verfolgt hatte.
    „Tedaon!“ stieß sie voller Verachtung aus.
    Überrascht blickte dieser auf. „Du kennst meinen Namen? Wie ich sehe, hast Du Dich vorbereitet!“ spottete er und trat näher an Elbin heran. Erst jetzt erkannte sie die Waffe, die er in seiner linken Hand festhielt.
    „Ich weiß, wer Du bist!“ erwiderte Elbin und versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen.
    „Bist Du sicher?“ fragte er in einem fröhlichen Singsang. Ein hinterlistiges Funkeln leuchtete in seinen Augen auf. Er zog einen kleinen Gegenstand aus seiner Tasche und warf ihn Elbin rüber.
    Für den Bruchteil einer Sekund glitzerte der Gegenstand im Schein der Laterne auf. Als Elbin ihn auffing, erkannte sie, dass es sich um eine schmale silberne Kette handelte mit einem ovalen, dicken Anhänger. Ein winziger Knopf befand sich an der Seite. Als sie ihn drückte, sprang der Anhänger auf und legte ein Bild frei.
    „Aber das sind doch…!“ Elbin stockte der Atem. Ihre Hand fing an zu zittern.
    „Ganz recht!“ fuhr Tedaon für sie fort. „Das ist ein Bild Deiner Eltern. Bist Du sicher, dass Du schon alles weißt und nicht mehr erfahren möchtest?“
    Elbin klammerte sich an dem kleinen Anhänger fest, ohne es zu wollen begannen Tränen ihre Wangen herunter zu laufen. Die Erinnerung an den Unfall, an den Tod ihrer Eltern, kam wieder zum Vorschein. Die Beerdigung, die anschließenden Jahre, all das hatte sie versucht zu vergessen. Die Bremsen des Wagens hatten versagt, ihre Eltern waren frontal in einen Lastwagen geprallt, die anschließende Explosion hatte sie sofort getötet.
    Zumindest hatte Elbin das immer angenommen.
    „Was hast Du mit dem Tod meiner Eltern zu tun?“ fragte sie mit neu gewonnener Kraft. Tedaon spürte, wie schwer es ihr fiel sich zu beherrschen. Es war Zeit, seinen größten Trumpf auszuspielen.
    „Ich denke, das erklärt Dir lieber ein Anderer!“
    Fragend hob die junge Frau eine Augenbraue. Sie hörte wie jemand von hinten näher kam.
    „Ich weiß, Du hast viele Fragen. Aber ich werde Dir alles erklären!“ vernahm sie eine vertraute Stimme, konnte es aber nicht fassen. Sie wagte es nicht sich umzudrehen, sie musste den Verstand verloren haben. Und dennoch, es war die Stimme ihres Großvaters!



    Damit beginnen die letzten drei finalen Kapitel. Kapitel 10 wird voraussichtlich am Mittwoch gepostet, die Handlung ist dort ziemlich komplex bzw es passiert ziemlich viel, daher wird Dienstag etwas knapp kalkuliert sein ^^

    So, es hat länger gedauert, weil ich erst alle Kapitel fertig schreiben wollte. So können sie jetzt in Regelmäßigen, kurzen Abständen gepostet werden, also dann mal los, hier der Anfang der letzten 3 finalen Kapitel: hoffe sie gefallen Euch noch ^^

    Kapitel 10


    Ihr Herz pochte.
    Tigress presste sich so fest sie konnte gegen die Wand. Sie war den Stimmen gefolgt, blieb jedoch in letzter Sekunde stehen, als sie erkannte, was vor sich ging. Hinoto hatte Recht gehabt: hier steckten diejenigen, die für all die Morde verantwortlich waren. Allerdings war sie ohne Waffen so gut wie hilflos und konnte nur hoffen, dass sich die Schritte, die sie hörte, wieder entfernten.
    Endlich erklang das erlösende Geräusch der ineinander rastenden Schiebetüren.
    Blitzschnell stürmte Tigress los. Sie wusste, dass der Lärm ihrer Schritte auf dem glatt polierten Boden verräterisch war. Es war leichtsinnig loszurennen, ohne zu wissen, ob sich noch jemand anderes im Raum befand, aber sie hatte keine andere Wahl. Ihr Ziel rückte in greifbare Nähe, die Polizistin nahm mehrere Stufen auf einmal, bis sie das Ende der Treppe erreichte. Mit einem Satz sprang Tigress los und stürzte sich kopfüber in das eiskalte Wasser. Die Flüssigkeit brannte in ihren weit aufgerissenen Augen, es dauerte nicht lange, bis sie den Körper der Frau spürte. Tigress griff nach Alaynna und zog sie hoch. Das Vorhaben erwies sich schwerer als erwartet, die Kleider waren voll gesogen und bildeten zusätzliches Gewicht. Tigress stieß mit ihrer Hand durch die Wasseroberfläche und krallte sich an der Kante des Tankes fest, sie nahm all ihre Kraft zusammen und hievte Alaynna nach oben. Ihr Instinkt hatte ihr geraten abzuwarten und dem Streit der beiden Frauen zuzuhören. Als
    sie erkannte, was die Angreiferin vorhatte, war es zu spät um zu reagieren, ohne ihre Tarnung zu verlieren. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, Tigress wollte jede Sekunde losstürmen, bis sie endlich hörte, wie sich die Andere entfernte.
    Die Polizistin zog sich aus dem Behälter und zerrte Alaynna zur Hälfte mit sich. Keuchend biss sie die Zähne zusammen und hob Alaynnas Körper ganz aus dem Wasser. Die junge Frau war blass, ihre Lippen blau verfärbt, sie atmete nicht!
    Tigress zögerte keinen Augenblick und führte eine Herzmassage durch, ehe sie Alaynnas Kopf nach hinten beugte und mit der Beatmung begann. Keine Reaktion, der Körper der Frau blieb schlaf liegen. Erneut drückte Tigress auf den Brustkorb, es durfte nicht zu spät sein!
    Wieder und wieder versuchte sie Alaynna zurückzubringen, vergeblich, sie spürte keinen Puls. Frustriert schlug Tigress mit der Faust auf das kalte Metall und startete einen weiteren Versuch. Sie wusste nicht, wie viel Zeit bereits vergangen war. Mit einem Ruck hustete Alaynna einen Schwall Wasser aus und öffnete vorsichtig die Augen. Beschwichtigend legte Tigress ihr eine Hand auf die Stirn, während sie mit der anderen Alaynna half, sich aufzusetzen. Das nasse Haar klebte in Alaynnas Gesicht, fragend sah sie sich um und erkannte mit Entsetzen den Wasserbehälter. Mit einem Angstschrei versuchte sie aufzuspringen, verlor das Gleichgewicht und fiel seitlich auf die eiserne Plattform.
    „Vorsichtig!“ versuchte Tigress Alaynna zu beruhigen und löste ihre Fesseln. Alaynna strich über ihre Handgelenke, ihre Finger fühlten sich taub an. Sie zitterte am ganzen Körper. Erst jetzt begann sie ihre Retterin genauer zu betrachten.
    „Wer sind sie? fragte Alaynna mit einer schwachen Stimme.
    „Ich bin Polizistin!“ antwortete Tigress knapp und richtete sich auf. „Wir sollten zusehen, dass wir hier schnellstens wegkommen!“
    „Wo sind wir?“ wollte Alaynna wissen und sah sich erst einmal um.
    „Ein abgelegnes Labor eines Chemie-Konzerns.“ Tigress brannten unzählige Fragen auf der Zunge, aber sie musste die Frau zunächst in Sicherheit bringen. „Wir müssen los!“ drängelte sie freundlich, aber bestimmt. „Es wird alles wieder gut werden!“ setzte sie in einem etwas milderen Tonfall nach und reichte Alaynna die Hand, um dieser beim Aufstehen behilflich zu sein.
    „Das wage ich zu bezweifeln“ hallte eine mittlerweile vertraute Stimme vom hinteren Teil der Empore wieder. Erschrocken wirbelte Tigress herum, in all der Hektik hatte sie nicht gehört, wie jemand den Raum betreten hatte.
    „Ich werde gewiss nicht zulassen, dass Du mir noch einmal entkommen wirst!“ fügte Antiflag hinzu.

    Der Wind wehte durch ihr bodenlanges, blondes Haar. Sie stütze sich mit beiden Händen ab und stand auf. Das schwarze, königliche Kleid fiel bis zum Boden, unter normalen Umständen wäre sie darin jedem aufgefallen, doch diese Gegend war einsam und verlassen. Endlich war sie angekommen, sie konnte es noch immer nicht fassen, wieder in Tokio zu sein. Allerdings hatte ihr Auftauchen eine entscheidende Bedeutung, die Zeit war also gekommen, das Ende stand kurz bevor! Die anderen würden ihr sicher bald folgen.
    Ein Adler zog seine Kreise und wich erschrocken zurück, als er ihre Macht spürte. Ihr Blick richtete sich auf den Gebäudekomplex, hinter dem sich ein Sturm zusammenbraute.

    Antiflag atmete schwer und ballte ihre Hände zu Fäusten. Direkt hinter ihr bauten sich zwei Wachmänner auf und zielten sowohl auf Tigress als auch auf Alaynna.
    „Das ist versuchter Mord!“ übernahm Tigress das Wort. „Mach jetzt keine Dummheiten!“ Sie sah Antiflag eindringlich an, doch diese starrte auf ihre Schwester, blanker Hass spiegelte sich in ihren Augen wieder.
    „Bist Du immer noch nicht zufrieden!“ fügte Alaynna hinzu. Ihre Stimme zitterte anfangs noch etwas, aber sie schien mit jedem Wort zu ihren alten Kräften zurückzufinden.
    „Ich kümmere mich um sie!“ sagte Antiflag knapp zu den beiden Wachmännern.
    „Vergiss es, Kleine. Das ist ein Job für uns!“ erwiderte der Rechte und schritt an ihr vorbei. Eine unsichtbare Kraft packte seinen Körper und schleuderte ihn zusammen mit seinem Kameraden rückwärts gegen die Wand, bewusstlos sackten sie zu Boden. Tigress schrie vor Schreck auf und stellte sich schützend vor Alaynna. Langsam wichen sie bis zum Rand der Treppe zurück.
    Antiflag drehte sich nicht einmal nach den beiden Männern um und musterte weiterhin ihre Schwester.
    „Ich habe mir zu lange alles gefallen lassen. Du wirst mich nicht mehr unterdrücken, nie wieder!“
    Alaynna lachte spöttisch auf. „Unterdrücken? Du bist krank, Antiflag! Du brauchst ärztliche Hilfe!“ versuchte sie zu ihrer Schwester durchzudringen.
    „Ich brauche niemanden mehr!“ schrie Antiflag auf. Tigress kam es vor, als würde der Schreibtisch im hinteren Bereich ein Stück weggerückt werden.
    „Wir sollten hier verschwinden!“ stellte sie besorgt fest und griff nach Alaynnas Hand, doch diese schüttelte sie ungeduldig ab.
    „Du bist in einer Wahnvorstellung gefangen, Antiflag. Sieh es endlich ein, Du bist paranoid. Nicht die Welt hasst Dich, Du isolierst Dich selbst!“
    „Halt den Mund!“ stieß Antiflag hervor. Ihre Hände begannen vor Zorn zu zittern, ihr Körper war dermaßen angespannt, dass ihre Adern deutlich hervortraten.
    Alaynna hingegen rekapitulierte die letzten Ereignisse und strich sich mehrere nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht, als sie die Zusammenhänge begriff. „Das mit Pothe, es war eine Lüge!“ stellte sie fest. „Du wolltest mich weglocken, damit ihr mich entführen und herbringen konntet.“
    „Komm jetzt!“ rief Tigress, welche die drohende Gefahr immer deutlicher spürte.
    Antiflag runzelte für einen Augenblick die Stirn und blickte Alaynna fassungslos an. Doch die kurze Verunsicherung wich ebenso schnell wie sie aufgekommen war, kalte Entschlossenheit trat an ihre Stelle.
    „Pothe? Du wagst es mich eine Lügnerin zu nennen? Deine Schwester?“ stellte sie fest.
    „Du bist krank!“ sagte Alaynna und schüttelte missbilligend den Kopf. Tigress wollte sie gerade an den Schultern packen, als etwas ihren Körper ergriff und von der Rampe stieß. Mit einem dumpfen Aufprall fiel sie auf den harten Boden ein Stockwerk tiefer, keuchend drehte sie sich um.
    Erst jetzt schien Alaynna zu dämmern, dass außer Antiflag niemand dafür verantwortlich sein konnte. Verunsichert wich sie zwei Schritte rückwärts und rannte die Treppen hinunter, um nach ihrer Retterin zu sehen.
    Bevor sie Tigress erreichen konnte wurde sie von etwas kopfüber nach vorne geworfen. Mit langsamen Schritten kam Antiflag die Treppe hinunter, ihre Augen wirkten unnatürlich schwarz. Ihr dunkles Haar umrahmte ihr blasses Gesicht und entblößte die Narbe.
    Alaynna brachte sich kriechend auf dem Boden in sichere Entfernung und stand auf.
    „Du sagst ich bin krank?“ sprach Antiflag, ihre Stimme spiegelte ihre Wut und ihre Anspannung deutlich wieder. „Dann ist es Zeit für eine seelische Reinigung!“ Sie positionierte sich am Fuß der Treppe und fixierte ihre Schwester.
    Tigress sah sich hektisch um, nicht weit entfernt lagen mehrere schwere Metallinstrumente und Werkzeuge auf einem Tisch. Sie entschied sich für eine massive Stange und rannte auf Antiflag zu. Als würde sie gegen eine unsichtbare Wand prallen, wurde die Polizistin zurückgeworfen, Blut strömte aus ihrer Nase und ihrem Mund.
    Antiflag ging ungerührt weiter auf Alaynna zu.
    „Was bist Du?“ entfuhr es dieser. Verzweifelt blickte sie sich um, allerdings war sie in eine Ecke geraten, aus der es keinen Ausweg gab. Kalte Hände schienen sich um ihren Hals und auf ihre Schultern zu legen, mit vor Angst weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den sich entfernenden Boden.
    Antiflag lief zu Alaynna rüber, es schien, als würde sie ihre ganze Konzentration auf ihre Schwester lenken.
    „Lass mich gehen!“ keuchte Alaynna und versuchte vergeblich ihre Arme zu bewegen.
    „Nie wieder!“ fauchte Antiflag. Eine Druckwelle erfüllte den Raum, alle losen Möbel und Gegenstände flogen gegen die Wände, allerdings fielen sie nicht zu Boden, sondern blieben wie Alaynna in der Luft schweben. .
    Hilflos musste Tigress auf die Szenerie schauen, bevor sie erneut zu Boden gedrückt wurde. Ein klirrendes Geräusch jagte ihr eine Gänsehaut ein. Es kostete sie all ihre Kraft den Kopf zu heben und auf den großen Wasserbehälter zu blicken, dessen Frontscheibe Dutzende Risse enthielt, welche sich einem Spinnennetz gleich über die ganze Fläche ausbreiteten.
    Alaynna presste die Zähne zusammen, es fiel ihr immer schwerer zu atmen. Ohne es zu wollen, traten ihr Tränen in die Augen.
    „Bitte!“ schluchzte sie auf und kniff die Augen zusammen.
    „Hast Du jemals eine Bitte von mir erhört!“ schrie ihr Antiflag entgegen. Eine weitere Druckwelle erschütterte den Raum, das Glas zerbrach, hunderte Liter Flüssigkeit ergossen sich auf die untere Ebene und rissen die Polizistin mit sich, während es um Antiflag und Alaynna einen Bogen machte, als seien sie von einer unsichtbaren Mauer umgeben.
    Antiflags Haut war von zahlreichen feinen, dunklen Äderchen übersät, ihre Augen funkelten schwarz. Die Gegenstände begannen sich um die beiden Schwestern herum zu drehen und bildeten eine runde Abgrenzung. Immer wieder musste Tigress, so gut es ging, ausweichen, um von den schweren Einrichtungsgegenständen nicht erschlagen zu werden.
    Antiflag nahm all ihre Kräfte zusammen und schaffte es Alaynnas Hände auseinander zu spreizen. Mit einem Ruck wurde dieser der rechte Unterarm gebrochen, Alaynna schrie auf, als die Knochensplitter ihre Haut durchbohrten.
    Immer schneller wirbelten die Gegenstände um die beiden Schwestern herum. Tigress kämpfte sich zu der Treppe durch und versuchte die beiden Wachmänner wieder zu finden, um an ihre Waffen heranzukommen.
    Der Druck auf Alaynna stieg ins unerträgliche an. Sie spürte, wie ihr Körper dieser Kraft nicht mehr lange standhalten konnte. Verzweifelt warf sie einen letzten Blick auf das entstellte Gesicht ihrer Schwester.
    „Du warst mir nie eine Schwester. All die Jahre, all der Schmerz.“ presste Antiflag angestrengt hervor. Die Gegenstände knallten gegeneinander, während die Wände ächzten, als sie sich zu verformen begannen. „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich Dich hasse. Sieh, was er aus mir gemacht hat!“
    Alaynna spannte ihre Muskeln an und schloss die Augen, während Antiflag fortfuhr. „Für immer, und immer…!“ begann sie, doch ihr Satz ging in einem gellenden Schrei unter, als eine starke Explosion mitten im Raum ausbrach und alle Anwesenden mit sich riss.

    Erschrocken richtete Hinoto sich auf.
    „Du hast es also auch gespürt!“ hörte sie Kanoes Stimme, deren Gesicht auf einem der Monitore erschien. Wortlos blickte Hinoto zu Boden.
    „Zwei Schwestern. Und beide tragen das besagte Gen in sich, das bedeutet, dass beide dieselben Fähigkeiten besitzen!“ stellte Kanoe fest.
    „Ich bitte Dich, Kanoe, lass die Beiden gehen!“ versuchte es Hinoto, doch Kanoe ging nicht darauf ein.
    „Ich hätte mir die ganzen Mühen sparen können, herauszufinden, welche der Schwestern die Kräfte geerbt hat. Welch ein schöner Zufall, dass beide unter meiner Kontrolle stehen!“ spottete sie.
    Hinoto wollte zunächst antworten, besann sich dann jedoch eines besseren. Doch das kurze Zögern war Kanoe nicht entgangen.
    „Du verheimlichst mir doch etwa nichts, Schwester?“ fragte diese misstrauisch, entspannte sich jedoch sogleich. „Und selbst wenn. Das Schicksal ist auf meiner Seite!“ ohne eine Antwort abzuwarten schaltete sie den Monitor aus. Hinoto bekam nicht mehr mit, wie Kanoe von jemandem beiseite gezogen wurde.
    Die weißhaarige Prophetin blickte zur Tür. Sie überlegte fieberhaft, wie sie die anderen warnen konnte, um das vorhergesehene Blutbad zu verhindern. Denn sie spürte, dass die Andere nah war, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie hier ankommen würde.

    Tigress stöhnte laut auf und öffnete die Augen. Der Raum war nur noch durch die Notlampen beleuchtet, sie spürte, wie ihr die Kälte der Feuchtigkeit durch den Körper fuhr. Die Polizistin spannte ihre Muskeln an und drehte sich auf alle Viere. In dem ehemaligen Labor herrschte das Chaos, Instrumente, Glassplitter sowie zerschlagene Möbel lagen quer verstreut herum. Das einzige Geräusch, das sie vernehmen konnte, war das regelmäßige Tropfen von Wasser.
    Tigress traute ihren Augen kaum, auf einer der Stufen lag eine der Waffen von den beiden Männern, allerdings war die Treppe darüber eingestürzt. Sie spürte jeden einzelnen Knochen, als sie aufstand. So schnell sie konnte kletterte sie an dem Metallgeländer hoch und griff nach der Pistole. Zufrieden stellte sie fest, dass die Waffe trocken geblieben war.
    Erst jetzt sah sie sich genauer um. Antiflag lag bewusstlos am anderen Ende des Raumes, das Gesicht zur Decke gerichtet, Alaynna saß mit dem Rücken an der Wand und starrte vor sich hin. Tigress stieg zurück in das Knöchel hohe Wasser und schlurfte zu ihr hin.
    „Alles in Ordnung?“ fragte sie und streifte die nasse Jacke ab.
    „Das war ich!“ stammelte Alaynna. „Ich habe das angerichtet, nicht Antiflag!“
    Tigress schüttelte verständnislos den Kopf und half Alaynna aufzustehen.
    „Ich habe das getan. Ich hab es gespürt!“ wiederholte diese wieder.
    Tigress packte Alaynnas Gesicht mit beiden Händen und zwang sie ihr direkt in die Augen zu sehen. „Das spielt momentan keine Rolle. Wir müssen von hier verschwinden!“ erwiderte die Polizistin langsam und eindringlich.
    Alaynnas Blick klarte auf, wortlos nickte sie zustimmend. Es war offensichtlich, dass sie unter Schock stand. Tigress sah sich um und lief zur vorderen Tür. Allerdings war das Metall verbogen, so fest sie auch daran rüttelte, die Doppeltür ließ sich nicht öffnen.
    “Wir müssen einen anderen Weg hier raus finden!“ stellte Tigress resigniert fest und warf einen beunruhigten Blick zu Antiflag. Diese schien noch immer bewusstlos zu sein, allerdings konnte Tigress an der Bewegung des Oberkörpers erkennen, dass Antiflag noch immer am Leben war.
    Suchend schaute sich die Polizistin um, die Doppeltür bildete den einzigen Zugang zu diesem Raum. Zumindest auf dieser Ebene, mit etwas Glück war die Tür, durch welche Antiflag mit den beiden Wachen gekommen war, im oberen Bereich intakt.
    Alaynna watete drei Schritte in Antiflags Richtung und blieb kurz vor ihr stehen. Mit gemischten Gefühlen betrachtete sie das blutige Gesicht ihrer Schwester, die sich zu einer Mörderin gewandelt hatte. „Erst jetzt bist Du hässlich!“ stellte sie tonlos fest und spuckte auf den Boden. Vorsichtig legte ihr Tigress den Arm um die Schultern und führte sie zu dem, was einst die Treppe gewesen ist. Sie spürte, wie die junge Frau durch die nasse Kälte am ganzen Körper zitterte, ihr selbst erging es nicht viel besser.
    „Wir müssen da hochklettern!“ erklärte Tigress und deutete auf die eisernen Überreste. Ihre Zuversicht schwand, die obere Ebene schien weiter entfernt zu sein, als sie zunächst angenommen hatte. Tigress packte eine Stange des Geländers und wollte daran rütteln, um festzustellen, wie stabil alles war, als sie Schritte über sich vernahm. Um ein Versteck zu finden war es zu spät. Sie umklammerte die gefundene Waffe.
    Ein dunkler Schatten beugte sich über die Abgrenzung und blickte direkt zu den beiden Frauen runter.
    „Was ist geschehen?“ hörte Tigress eine vertraute Stimme. Erst jetzt erkannte sie Romulus, der sich zu ihnen runterbeugte und ihr hilfreich seine Hand entgegenstreckte. Erleichtert atmete sie aus und steckte ihre Waffe wieder ein.
    „Kommt hoch und lasst uns hier so schnell wie möglich verschwinden!“ drängte er. Dankbar nahm Tigress das Angebot an und griff zu.

    Ungläubig starrte Elbin auf den kleinen, augenförmigen Anhänger in ihren Händen und das darin befindliche Bild, bevor sie erneut zu Renan aufblickte.
    „Aber…das ist unmöglich!“ stammelte sie und wich einen Schritt zurück. Elbin war gefangen zwischen Gefühlen der Vorfreude und der Verständnislosigkeit.
    „Ich weiß, es ist schwer zu verstehen.“ versuchte Renan seine Enkelin zu beruhigen. „Ich musste…“
    „Schwer zu verstehen?“ rief Elbin fassungslos. „Du warst tot! Du kannst nicht vor mir stehen!“ Tränen rannen ihre Wangen herab und fielen geräuschlos zu Boden.
    „Ich musste es tun. Tedaon gab mir ein Mittel, welches meinen Pulsschlag reduzierte. Es tut mir so Leid, mein Kleine!“ Behutsam streckte er seine Hände aus und wollte Elbin umarmen.
    „Rühr mich nicht an!“ schrie sie entsetzt auf und wich zurück.
    Mehrere Wachmänner kamen aus dem Gebäude gerannt und umstellten die drei.
    „Wartet!“ brüllte Renan ihnen zu. „Ich werde ihr alles erklären!“
    Ihm entging, wie Tedaons Augen kalt aufblitzten. Mit einem bedrohlichen Grinsen trat er vor die Wachmänner und nickte ihnen zu, auf sein Zeichen zu warten.
    „Deine Fähigkeiten. Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht!“ versuchte Renan zu erklären. Er fand nicht die richtigen Worte und blickte resigniert zu Boden. Wütend fuhr er sich durch sein schütteres, graues Haar, in seinen matten Augen bildeten sich Tränen. Er schluckte schwer. „Ich wollte doch nur, dass Du ein normales Leben führen kannst. Aber dann begannen die Anschläge und ich erkannte meinen Irrtum. Und dann tauchte Tedaon bei mir auf. Die einzige Möglichkeit, Dich zu retten, bestand darin, Deine Fähigkeiten so schnell wie möglich zu erwecken. Ich weiß, es ist furchtbar, was wir getan haben, aber nur durch diesen Schock konnten wir Dich…!“
    Elbin versuchte es zu unterdrücken, aber das schallende Gelächter brach dennoch aus ihrem Inneren heraus. Ihre Hand zitterte, als sie sich die langen blonden Haare zurückstrich. „Tedaon hat es Dir gesagt?“ Ihr Gesicht lief rot an, während sie auf Tedaon hinter sich deutete. „Dieser Mann hat versucht mich umzubringen. Er steckt hinter allem!“
    Renan runzelte seine Stirn und blickte an ihr vorbei, doch Tedaon blieb gefasst. „Erzähl ihr von ihren Eltern!“ gab er als einzige Antwort von sich.
    Elbin ballte ihre Fäuste, sie verstand nichts mehr. Alles woran sie geglaubt hatte, alles woran sie sich geklammert hatte, war eine Lüge. Wut und Wahnsinn spiegelten sich in ihren aufgerissenen Augen wieder, als sie kaum hörbar, mit kehliger Stimme Renan fragte: „Meine Eltern?“
    „Es war ein Unfall!“ rief Renan. „Sie wollten Dich trainieren, eine Kriegerin aus Dir machen. Ich habe gesehen, was aus Deiner Mutter geworden ist, wie sehr sie gelitten hat. Als wir erkannten, dass Du ihre Fähigkeiten geerbt hast, habe ich beschlossen, Dir ein normales Leben zu schenken. Ich habe Dich mitgenommen und bin einfach fortgefahren. Deine Eltern wurden verrückt vor Angst und sind uns gefolgt, sie fuhren zu schnell und…“ Renans Stimme brach.
    „Lügner!“ fauchte Elbin ihm anklagend entgegen. In diesem Moment spürte sie, wie etwas in ihrem Inneren zerbrach. Mit einem Schlag war all die Wut, all die Trauer verflogen. All ihre Gedanken drehten sich nur noch um eines: Rache.
    „Schafft sie mir vom Leib, alle beiden!“ befahl Tedaon einem der Männer.
    Langsam, in ruckartigen Schritten drehte sich Elbin zu ihm um, die langen Haare fielen ihr Strähnchenweise ins Gesicht und verdeckten die blauen Augen.
    „Du wolltest mich haben?“ sprach sie Tedaon direkt an. „Dann hol mich!“
    Ein lauter Knall ließ die Männer zusammenfahren, nacheinander explodierten die Scheinwerfer direkt über ihnen.
    „Schießt endlich!“ schrie Tedaon außer sich und zog seine Waffe. Eines der Stromkabel löste sich, mehrere weißblaue Lichtentladungen durchzuckten die Gruppe. Ein Stromschlag traf Tedaons Waffe, schmerzerfüllt schrie er auf. Innerhalb weniger Augenblicke war der ganze Vorplatz von Lichtbögen, elektrostatischen Entladungen und Funken erfüllt. Verzweifelt rannten die Männer durcheinander, versuchten sich in Sicherheit zu bringen, als der Strom ihre Körper erfasste. In wilden Zuckungen ging einer der Männer direkt vor Elbin zu Boden, während sie regungslos dastand und das Geschehen beobachtete.
    Nick, Tedaons rechte Hand, zog ein Wurfmesser und stürzte sich auf sie. Nur wenige Schritte vor ihr wurde sein Körper von einer weiteren Entladung regelrecht durchbohrt, Blut spritze auf ihr Gesicht nieder, doch Elbin zeigte keine Reaktion. Ihre Augen waren leer, als gehörten sie einer seelenlosen Puppe.
    Der Gestank von verbranntem Fleisch breitete sich aus, überall lagen verkohlte Überreste von den Männern herum. An mehreren Stellen auf der Wand explodierten Leitungen, Funken regneten auf den Platz nieder, kleinere Brände entstanden.
    Einer der wenigen Überlebenden versuchte in den Wald zu flüchten, als ihn eine weitere Entladung erfasste, seine Schreie verhallten in der Nacht.
    Eine letzte, große Explosion zerfetzte die vordere Häuserfassade und bohrte ein weit über zwei Meter großes Loch in die Wand, die Trümmer verteilten sich bis zum Waldrand. So plötzlich, wie alles begonnen hatte, endete es wieder.
    Elbin stand alleine, umringt von all den Leichen, da, die Lichter des Komplexes waren erloschen, vereinzelte Flammen erhellten den Platz. Ihr Blick fiel auf eine spitz zulaufende Metallplatte, die durch die Wucht einer Explosion vor ihre Füße geschleudert worden war. Das dunkle, glatte Material spiegelte die Flammen wieder. Langsam hob Elbin es auf. Blut floss an der scharfen Kante herunter, nur daran erkannte sie, dass sie sich geschnitten hatte. Eine beruhigende Benommenheit hatte von ihrem Körper Besitz ergriffen, sie war müde geworden. Mit festem Griff umklammerte sie das Metallstück und drehte langsam die Spitze zu ihrer Brust um.
    Keuchend richtete Tedaon sich auf. Als die Entladungen begonnen hatten, war er auf den Boden gesprungen. Seine Hand schmerzte, doch wie durch ein Wunder hatte er überlebt. Wenige Meter entfernt krochen zwei Männer davon, das Bein des einen war verkohlt, während der Andere laut aufstöhnte.
    Tedaon drehte sich um und blickte direkt in Elbins Augen, das dunkle Blut in ihrem Gesicht war geronnen, der Kopf seitlich geneigt, so dass das Weiß ihrer Augen deutlich hervortrat. Das sonst weiche Haar klebte blutverschmiert an ihrem Körper. Es schien, als würde sie nicht wahrnehmen, was um sie herum geschah. Ruckartig öffnete sie ihre rechte, angewinkelte Hand, in der sie noch immer das silberne Amulett hielt.
    Kaum merklich schüttelte Tedaon den Kopf. „Das ist unmöglich!“ brachte er tonlos hervor. „Du kannst Dich nicht erinnern!“
    Ein lauter Knall ließ ihn zusammenzucken, etwas war im inneren des Gebäudes detoniert. Überrascht sah er zur Seite, aus einem der Luftschächte flossen größere Mengen Wasser. Mit einem fragenden Blick wand er sich wieder Elbin zu. Das kalte Metall durchbohrte seine Kehle; in dem Moment seiner Ablenkung hatte sie Schwung geholt und ihm die Spitze in den Hals gerammt. Mit einem Aufschrei riss sie die Waffe wieder heraus und warf sie scheppernd zu Boden. Ächzend sackte Tedaon zu Boden. Sein Blut floss pulsierend aus der Wunde und bildete eine dunkle Lache um seinen Körper herum.
    Elbin schüttelte benommen den Kopf und fiel auf die Knie, sie schrie, schrie so laut sie konnte. Es war, als würde all der Schmerz aus ihr entweichen. Sie gab sich einfach ihren Gefühlen hin, sie konnte nicht mehr kämpfen, es war vorbei. Tränen flossen ihr Gesicht herunter, sie ließ all ihren Gefühlen freien lauf, es war vorbei, Tedaon war tot.
    Sie bemerkte nicht, wie jemand nahezu geräuschlos von hinten an sie heran trat.
    Renan sah sich um, seine schlimmsten Befürchtungen wurden weit übertroffen, erst jetzt begriff er, wozu seine Enkelin fähig war.
    Mit einem seltsamen Blick musterte er seine Enkelin.

    „Lassen Sie mich auf der Stelle los!“ fauchte Kanoe, als Bozz sie zur Seite zerrte, wo die anderen Mitarbeiter sie nicht hören konnten. Seine Adern pochten vor Zorn auf seiner Stirn.
    „Wieso haben Sie mir das hier verschwiegen?“ zischte er und hielt ihr einen Stapel Formulare vor das Gesicht.
    Wütend riss sich Kanoe los. „Sie haben in meinem Quartier gewühlt. Das sind private Unterlagen!“
    „Private Unterlagen in meinem Konzern!“ korrigierte er sie. „Meinen Sie nicht, dass Nr. 3s Herkunft eine entscheidende Rolle spielt?“
    „Nicht im geringsten!“ erwiderte Kanoe wieder gefasster. „Es reicht vollkommen aus, dass Sie wussten, dass Nr. 3 nicht von hier stammt.“
    „Wohl eher nicht aus unserer Zeit!“ fügte Bozz hinzu. „Wie haben Sie Nr. 3 aus der Vergangenheit hergebracht?“
    Kanoes Augen blitzten auf. Sie erkannte, dass Ausflüchte sinnlos waren. „Das war der Verdienst einer einstiegen Dämonenfürstin. Nr. 3 ist zu wichtig für uns, wir brauchen sie hier!“
    Bozz blickte ein weiteres Mal auf die Aufzeichnungen und warf sie in den Müll. „Damit ist es wohl eine Untertreibung zu behaupten, Nr. 3 sei orientierungslos. Das erklärt jedoch die Bindung zwischen ihr und den beiden Schwestern.“ stellte der stellvertretende Konzernleiter fest.
    „Ganz recht: Alaynna und Antiflag sind ihre direkten Nachfahren! Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das einen Vorteil oder einen Nachteil für die Schwestern darstellen wird.“
    Eine Erschütterung erfasste das Gebäude, überrascht blickte Bozz auf, als etwas Putz von der Decke rieselte. „Was ist hier los?“ rief er einem der Männer zu.
    „Es beginnt!“ antwortete Sciarh. Kanoe schritt zu dem Windmagier und betrachtete einen der Monitore, auf dem Elbin abgebildet war.
    „Was soll das? Sie sollte schon längst tot sein!“ fuhr Bozz aufgebracht auf.
    „Sehen Sie genau hin!“ forderte Kanoe ihn stolz auf. „Denn diesen Anblick sieht man fiel zu selten: Das ist der Fall eines Engels!“
    Sie sahen, wie mehrere Funken um Elbin aufsprühten und die Wachmänner getötet wurden. Eine weitere Detonation erfasste das Gebäude, ein Kurzschluss ließ das Bild erlischen, bevor der Strom komplett ausfiel.

    Renan hielt zögernd inne, was er vor sich sah, war nicht mehr seine Enkelin.
    Sie wischte sich über das mit Blut und Tränen verschmierte Gesicht und stand auf. Eines der Feuer knisterte und warf flackernde Schatten. Langsam drehte sie sich zu ihrem Großvater um, die Augen eng zusammengekniffen.
    Renan ballte seine Fäuste. „Es …!“
    „Nicht!“ unterbrach ihn Elbin mit einer überraschend kräftigen Stimme. „Mein Großvater ist gestorben.“ Sie atmete tief durch, bevor sie sanfter fortfuhr. „Nicht jetzt. Ich brauche Zeit!“
    Damit drehte sich Elbin um und Schritt auf das in der Wand prangernde Loch zu.
    „Elbin! Sie werden Dich töten, Du kannst Sie nicht alle aufhalten!“ rief ihr Renan hinterher.
    Sie blieb stehen, unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte. Ihr wurde bewusst, dass sie die Möglichkeit zu ihrem normalen Leben zurückzukehren, nicht mehr in betracht schloss. Ohne sich noch einmal umzudrehen setzte Elbin ihren Weg fort und verschwand in der Dunkelheit des Gemäuers.

    „Worauf wartet ihr? Schaltet sofort die Notaggregate ein und umgeht den überlasteten Stromkreis!“ brüllte Bozz seinen Untergebenen entgegen. Sofort eilten mehrere Männer mit Taschenlampen herbei. Anschließend wand er sich Kanoe zu.
    „Für die Vorenthaltung der Informationen werden Ihnen vorläufig alle Projekte entzogen. Es ist Ihre Schuld, dass Elbin jetzt hier ist. Gehen Sie, und beseitigen Sie unsere Störenfriede, sofern Sie wenigstens das hinkriegen!“ befahl er kalt und ließ Kanoe alleine stehen.
    „Was machen wir jetzt?“ fragte Sciarh, der das ganze Geschehen aus sicherer Entfernung mit angehört hatte.
    „Auf uns kommen wesentlich größere Probleme zu!“ antwortete Kanoe und stützte ihr Kinn mit ihren Fingern ab. „Kümmere Dich um Nr. 3, ich sorge mich persönlich um Elbin!“
    Sciarh spürte, dass dies nicht ihre Hauptsorge war, wagte es jedoch nicht, weiter nachzufragen.

    Ein dröhnendes, dumpfes Geräusch drang gedämpft zu Elbin hindurch, kurz darauf flackerten einige Neonröhren auf. Zweifellos war dies nur die Notstromversorgung, aber sie reichte aus, um sich orientieren zu können. Der Kurzschluss hatte die Türschlösser geöffnet und ihr nahezu freien Zugang gewährt.
    Sie war ausgebrannt. Elbin spürte keine Kraft mehr, sie wusste, was auch immer draußen vorgefallen war, es würde sich nicht wiederholen. Ihre Augen weiteten sich, als die Erinnerung an die letzten Geschehnisse zurückkehrte. Elbin hielt an und starrte ihre Hände an. Sie konnte nicht begreifen, was sie getan hatte, dass sie all diese Menschen umgebracht hatte. Verzweifelt schüttelte Elbin die Gedanken ab, sie hatte das Gefühl wahnsinnig zu werden, wenn sie die Ereignisse näher an sich herankommen lies.
    Als sie aufblickte, schien ein kurzes, violettes Licht aus einem der Räume zu kommen, welches sofort wieder verblasste. Müde taumelte sie zu der Tür, sah durch den schmalen Spalt und öffnete sie vorsichtig. Auf dem Boden saß eine weißhaarige Frau. Mit traurigen Augen blickte die Prophetin zu Elbin auf.
    „Ich wusste Du würdest kommen, genau wie in meinem Traum!“ stellte Hinoto fest.
    Elbin nickte stumm und beugte sich einem Roboter gleich runter.
    „Geh, Flieh! Du darfst nicht versuchen mich zu retten, in der Zukunft…“
    „Ich weiß!“ unterbrach Elbin Hinoto knapp und sah auf den Boden. „Wir sollten gehen!“
    Hinoto spürte, dass jeder weitere Versuch zwecklos war. Es gab viele Möglichkeiten zu sterben, das Leid, welches die Seele erfährt, ist oftmals grausamer als der körperliche Schmerz.
    Wortlos zog Elbin Hinoto hoch, sie biss die Zähne zusammen und schleifte die Prinzessin hinter sich her. Es gab nichts mehr, was auf sie wartete, nichts mehr, weswegen sie entkommen wollte.
    Jeden Augenblick rechnete sie damit geschnappt zu werden, dass weitere Wachmänner sie aufhalten würden, aber nichts geschah. Schritt für Schritt näherten sich die beiden Frauen dem Ausgang. Die kühle Nachtluft umwehte Elbins Haar, sie hielt kurz inne und atmete tief ein, um neue Kraft zu schöpfen. Ihre Nervosität wuchs, Elbin hatte aufgegeben, aber die Aussicht, vielleicht doch noch ihr Leben zurück zu gewinnen, keimte in ihr auf. Sie betrat den Hof, ihre Hände schmerzten, Hinoto schien immer schwerer zu werden, obwohl Elbin sie nur unter den Armen hielt und hinter sich herzog.
    Sie beschleunigte ihren Gang, noch immer war niemand auf dem weiten Vorplatz zu sehen. Elbin zwang sich stur geradeaus zu starren, sie ignorierte die Leichen und konzentrierte sich auf den Weg, um den Gestank nicht wahrzunehmen.
    Durch ihre Konzentriertheit registrierte sie den Schuss erst, als ihr eigenes Blut vor ihren Augen auf den Boden spritzte. Hinoto sah noch den Scharfschützen auf dem Dach, bevor ihr Kopf gegen einen scharfen Stein schlug und Dunkelheit sie verschlang.

    Stille.
    Es wehte kein Wind mehr, der Sturm war verzogen, als hielte die Natur selbst den Atem an. Das blanke Metall der Gebäude glänzte im fahlen Mondlicht, welches sich immer wieder zwischen den Wolken hindurchkämpfte.
    Mit einem Mal schienen selbst die Tiere zu Schweigen, keine Vögel, keine Grillen, nichts! Nur noch Stille.
    Ein einzelner Zweig knackte, als sie darauf trat, wie ein Schuss hallte der Knall durch den Wald. Ihr rotbraunes Haar fiel glatt bis zu den Hüften, nur kleinere feine Blutflecken auf ihrem grünen Rock ließen ihre Gefährlichkeit vermuten.
    Sie kniff die Augen zusammen; hier hatte es begonnen, und hier würde es enden.
    Nr. 3 hatte den Komplex endlich wieder erreicht.
    Geändert von darkgemini (17.10.08 um 02:37 Uhr)

  12. #300
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    Kapitel 11


    Deg hatte nicht geahnt, wie sich die Zeit qualvoll ziehen konnte. Jede Minute schien ewig lange anzudauern. Lamia hatte ihr angeboten, sich durch Bücher zu informieren, allerdings wurde Deg dies bald Leid. Sie war es gewohnt schnell und unkompliziert an ihre Informationen heranzukommen, die Aussicht, mehrere Wochen in dieser Einöde verbringen zu müssen, jagte ihr jetzt schon einen Schauer über den Rücken.
    Die Computerspezialistin strich sich durch ihr stufiges, helles Haar und Band es sich zu einem dünnen Zopf zusammen.
    Sie bewunderte Lamias Geduld, welche seit Jahren das Relikt bewachte. Andrerseits, wenn Deg daran zurückdachte, als sie im Keller gewesen war, konnte sie Lamia nur allzu gut verstehen. Dieser Hass, diese Dunkelheit! Sie wusste, dass Kanoe bereit war über Leichen zu gehen, um ihr Ziel zu erreichen. Und sie teilte ihr Vorhaben. Aber sie zweifelte, ob man dieses Wesen tatsächlich einsetzen sollte, oder ob es sich nicht gegen sie selbst richten würde. Immer stärker keimte in Deg die Vorahnung auf, dass der Bann niemals gelöst werden dürfe.
    Schnelle Schritte ließen sie aufhorchen, Lamia kam die Treppen hoch gerannt, an ihrem Gesichtsausdruck erkannte Deg sofort, dass etwas nicht stimmte.
    „Was ist gesch…“ wollte sie fragen, doch Lamia winkte ungeduldig ab. Angespannt starrte diese auf die Eingangstür, die Hexe ballte vor Aufregung immer wieder ihre Fäuste auf und zu.
    „Der Schutzwall ist durchbrochen worden!“ gab Lamia nach einer längeren Pause knapp wieder. Sie konzentrierte sich darauf herauszufinden, wo sich der Eindringling befinden konnte.
    Ein kräftiger Schlag auf den Hinterkopf ließ Deg zusammenbrechen, nahezu gleichzeitig löste sich ein dunkler Schatten aus dem Hintergrund.
    „Patterknife!“ zischte Lamia.
    „Ich muss zugeben, dass ich eine so mächtige Hexe wie Dich hier nicht erwartet hätte, Lamia!“ stellte er fest. Seine Augen verengten sich, ein bedrohliches Funkeln spiegelte sich in ihnen wieder.
    „Einer der Überleben von Diabkon! Wie Schade, dass diese Ehre ein tödliches nehmen muss!“ gab Lamia lächelnd zurück und begann mit erhobenen Händen im Halbkreis um den Eindringling herumzulaufen.
    „Ich überlebte, weil ich damals an der Schlacht nicht teilgenommen habe. Ich kämpfe nur, wenn ich gewinne, so wie jetzt!“ fuhr der Vampir fort, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Was kann so wichtig sein, dass Du es zusammen mit Kanoe hier in dieser Einöde versteckst? Und versuch erst gar nicht, mir zu erzählen, dass dieser Freak hier unten der Grund sei!“ spottete er und trat Deg mit voller Wucht in den Magen. Keuchend krümmte diese sich zusammen.
    „Genug der Worte!“ erwiderte Lamia. Ihre Stimme strahlte kühle Berechnung aus, doch in ihrem Inneren rasten die Gedanken. Patterknife war stark, das war ihr bewusst. Aber sie durfte den Zirkel nicht verraten, sie musste das Geheimnis hüten, selbst wenn es ihr oder Degs Leben kosten würde.
    Die Computerspezialistin stützte sich mit ihrer linken Hand vom Boden ab, während sie ihre rechte Handfläche gegen ihre Schläfe presste. Bevor sie die Situation begreifen konnte, riss sie Patterknife hoch und holte mit einem Messer aus. Lamia reagierte blitzschnell und streckte ihre Hand aus, eine grünlich schimmernde Flamme schoss auf Patterknife zu. Für einen Augenblick löste er den Griff von Deg, diese schüttelte ihn mit einem Ruck ab und sprang auf die Kelleröffnung zu.
    Patterknife ignorierte sie und stürzte sich auf Lamia zu. Deg erreichte die Treppenstufen. Sie hörte, wie Lamia aufschrie. Eine Explosion warf Deg vorwärts, ihre Knochen schmerzten; in ihrem Kopf pochte es, als sie auf dem harten Kellerboden aufschlug. Stöhnend drehte sie sich auf alle Viere und stützte sich an der Wand ab. Ihr von Schweiß nasses Haar klebte an ihrer Stirn.
    Sie musste ihn aufhalten!
    „Zu spät!“ echote seine Stimme von der Treppe hinter ihr wieder. Erschrocken fuhr sie herum und starrte in das Gesicht des Vampirs. Sein sehfähiges Auge weitete sich, Patterknife wollte noch etwas ergänzen, doch er brachte keinen Ton mehr heraus. Ein lautes, klirrendes Geräusch erklang, als sein Messer auf den Boden fiel. Deg konnte seine Reaktion nur allzu gut nachvollziehen.
    Direkt vor ihnen ragte der bläulich schimmernde Kristall ungetarnt empor. Trotz der blutverschmierten, zerrissenen Kleider hatten die beiden Gestalten weder an Macht noch an Würde verloren. Nur noch eine handvoll Mondsteine und Perlen schmückte das einst prächtige Gewand; überlagert vom langen, braunen Haar, welches wie die Gestalt selbst in der Bewegung eingefroren schien. Rein und erhaben fokussierten die Augen ihren unerbittlichen Gegner, getragen von einem unbeugsamen, kämpferischen Willen, und doch für alle Zeiten gefangen, Lykana.

    Im ganzen Gebäude hallte der Alarm wieder. Glücklicherweise besaßen sie wieder Strom. Dennoch würde es nicht lange dauern, bis jemand aus der Stadt auf sie aufmerksam werden würde. Er durfte seine Mission nicht gefährden, er durfte nicht versagen, nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel. Andrerseits, wenn er diese Nacht überstehen würde, könnte ihn niemand mehr aufhalten. Diese Nacht entschied über Sieg oder Untergang eines jeden Einzelnen. Und Catherinas Plan würde ihm den nötigen Triumph garantieren.
    Er spürte, wie sich jemand von hinten näherte und versuchte seinen Arm zu greifen. Wütend wirbelte Bozz herum und stieß einen alten Mann zu Boden. Mit vor Schreck aufgerissenen Augen starrte Renan dem stellvertretenden Konzernleiter entgegen.
    „Was machen Sie hier?“ fragte Bozz kurz angebunden, als er Elbins Großvater erkannte. Renan funkelte ihn hasserfüllt an.
    „Ihr….Ihr habt Euer Wort gebrochen! Elbin sollte nichts geschehen!“
    „Es ist zu spät!“ erwiderte Bozz trocken. „Sie haben selbst gesehen, was aus Ihrer Enkelin geworden ist. Sie muss aufgehalten werden!“
    „Nein!“ schrie Renan und sprang auf. „Genau das wollte ich all die Zeit verhindern. Ihre Eltern wollte eine Kriegerin aus ihr machen, eine Kriegerin aus einem kleinen Mädchen! Sie hat ein normales Leben verdient. Sie kann nichts dafür, als was sie geboren ist.“ setzte er wehmütig nach. Tränen sammelten sich in Renans Augen, als er auf den Boden blickte. „Sie ist ein gutes Kind.“
    „Sie ist ein Ungeheurer, das entfesselt wurde!“ Bozz Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Sie müssen Elbin aufhalten. Ihre Enkelin vertraut Ihnen, Sie werden an sie heran kommen.“
    Renan schüttelte wortlos den Kopf. „Niemals, ich könnte ihr nie auch nur ein Haar krümmen. Es ist alles meine Schuld, aber ich werde zu ihr durchdringen.“ Hoffnungsvoll blickte er aus matten, glasigen Augen zu Bozz auf. „Ich werde zu ihr durchdringen, sie wird niemanden mehr verletzen. Ich mache alles wieder gut!“
    Mit neu gewonnener Kraft drehte er sich um und rannte den Gang zurück. Sein Rücken krümmte sich rückwärts, als die Wucht des Schussgeschosses seinen Körper durchdrang. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte keuchend zu Boden.
    Der stellvertretende Konzernleiter senkte seine Waffe und trat an Renan heran. Neugierig musterte er dessen Gesichtsausdruck, während dieser verzweifelt nach Luft schnappte.
    „Elbin ist bereits verloren!“ sagte Bozz in ruhigem Tonfall und presste die kalte Mündung an Renans Schläfe. Dieser schlug nach der Waffe und versuchte sie von sich zu stoßen, war jedoch zu schwach. Lächelnd setzte Bozz neu an und drückte ab.

    Grau, das war die erste Farbe, die sie wahrnahm. Zumindest wirkte ihre Umgebung in dem faden Licht verschwommen. Der Boden roch nach verbrannter Erde, sie schmeckte Ruß in ihrem Mund.
    Ein lautes Klicken ertönte im Halbkreis um sie herum. Sie wünschte, sie könnte einfach die Augen geschlossen halten und weiterschlafen, ewig weiterschlafen und erst wieder aufwachen, wenn sich alles um sie herum gebessert hatte. Aber dazu würde es nicht mehr kommen, sie spürte, nein, sie wusste es.
    Elbin biss die Zähne zusammen und schlug die Augen auf. Auf den Dächern standen dutzende Scharfschützen, die alle ihre Waffen auf sie gerichtet hatten. Nur wenige Schritte entfernt lag Hinoto, bewusstlos. Erschrocken erkannte Elbin eine blutige Strieme, die quer über das Gesicht der Prophetin verlief.
    Elbins rechte Schulter schmerzte, das Blut hatte ihre Kleider verfärbt und eine kleine Lache am Boden gebildet. Dennoch nahm sie ihre letzten Kräfte zusammen und stand auf, stolz und voller Trotz blickte sie den Scharfschützen entgegen. Sie spürte, dass sie ihre Fähigkeiten nicht mehr benutzen konnte, aber selbst wenn dies ihr möglich gewesen wäre, würde sie darauf verzichten. Nie wieder wollte sie jemand anderen derart verletzen. Jeder Schritt bereitete ihr zusätzliche Qualen, als sie zu Hinoto hinüber lief und sich zu ihr niederbeugte. Erleichtert stellte sie fest, dass die Prophetin noch immer atmete. Vorsichtig griff sie unter Hinotos Arme hindurch und zog sie mit dem Rücken an sich heran. Elbin schrie vor Schmerz auf, als sie sich aufrichtete.
    „Was hat sie vor?“ fragte einer der Männer verunsichert.
    Kanoe trat an ihn heran und musterte die blonde Frau vom Dach eines der umstehenden Gebäude. „Sie verabschiedet sich in Würde!“ stellte sie fest. Überrascht erkannte sie, dass eine Mischung aus Mitleid und Respekt in ihr aufkeimte.
    „Sorge dafür, dass sie nicht leiden muss!“ befahl sie dem Soldaten knapp. Sofort richtete er seine Waffe wieder auf und zielte direkt auf Elbins Hinterkopf.
    Diese schleppte sich Stückenchenweise vorwärts, Schweiß rann ihre Stirn herunter, ihre Wunde brannte immer stärker. Dennoch zog sie Hinoto hinter sich her und näherte sich mit erhobenem Kopf dem Eingangtor. Sie wagte es nicht zurückzublicken.
    „Schieß!“ hörte sie eine tiefe Frauenstimme hinter sich, ehe die Luft von einem Schuss zerrissen wurde.
    Ein helles, gelbliches Licht erstrahlte. Elbin schloss die Augen, für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen. Sie spürte keinen Schmerz, keinen weiteren Ruck, der ihren Körper ergriff. Hinter ihr erklangen aufgeregte Stimmen, als das Licht stärker wurde.
    „Beeil ich!“ rief ihr eine vertraute Stimme entgegen. „Bring sie so weit wie möglich von hier fort!“ bat Yolanda Elbin und schritt an ihr vorbei.
    „Diese verfluchte Hexe!“ zischte Kanoe. „Alle sollen ihre Waffen auf sie richten. Tötet sie!“ befahl sie ihren Männern.
    Yolanda nahm all ihre Kräfte zusammen und spannte ein neues Kraftfeld um sich und Elbin herum. Das Geräusch Dutzender Schüsse hallte durch die Nacht, allerdings fielen alle Patronen wirkungslos wenige Meter vor der Hexe entfernt zu Boden. Ungläubig starrte Elbin auf das Geschehen, unfähig sich zu bewegen.
    „Worauf wartest Du?“ rief ihr Yolanda zu. „Ich kann sie nicht ewig aufhalten!“
    „Ich lasse Dich nicht zurück!“ erwiderte Elbin trotzig. Ihre Muskeln verkrampften zusehends, lange würde sie Hinoto nicht mehr hinter sich herziehen können.
    Yolanda senkte den Blick und schenkte ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Wachmannschaften. „Ich kann das Kraftfeld nur aufrechterhalten, wenn ich hier bleibe. Verschwende keine weitere Zeit und verschwinde!“
    „Aber…Ich kann nicht!“ erwiderte Elbin stur.
    „Worauf wartet ihr? Schießt endlich!“ rief Kanoe ihren Männern zu. Eine weitere Salve wurde abgefeuert, das Kraftfeld flackerte gelb leuchtend auf. Es war Yolanda anzusehen, dass die Aufrechterhaltung der Blockade ihre ganze Konzentration brauchte und sie dies nicht lange durchhalten würde.
    Mit einem leeren Blick sah sie seitlich zu Elbin herüber. „Ich bitte Dich, beschütze die Prinzessin. Du darfst nicht an mich denken, nicht an Deinen Großvater, an niemanden, außer an Deine Aufgabe und die Menschen, die sterben werden, wenn Du diese nicht erfüllst. Und jetzt geh!“
    Elbin zögerte noch immer, sie war unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte. Die Schüsse wurden für einen Augenblick angehalten.
    „Ich komme schon zurecht!“ fügte Yolanda hinzu und nahm ein letztes Mal all ihre Kräfte zusammen. Elbin spürte, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleib. Dankbar sah sie zu der Hexe zurück und zog Hinoto hinter sich her. Sie steuerte direkt auf den Wald zu, in der Hoffnung Schutz in der Dunkelheit zu finden. Sie brauchte ein Versteck, denn ihre Kräfte würden niemals für eine längere Flucht reichen.
    Yolanda hatte ihren Sohn verloren, der Wächter Blak starb durch ihre Schuld und jetzt war Hinoto, ihre letzte Vertraute, in Gefahr. Immer wieder tauchten die Bilder von Blaks Leiche vor ihrem geistigen Auge auf, und seine letzten Worte ihr gegenüber. Yolandas Hände begannen vor Anstrengung zu zittern. Erneut prallten Dutzende Kugeln an dem Kraftfeld ab. Das schimmernde Licht färbte sich rot.
    Zufrieden erkannte Kanoe, wie die Kräfte der Hexe schwanden. „Haltet dass Feuer ein und schießt alle gleichzeitig auf mein Kommando!“ befahl sie und hob die Hand.
    Yolanda blickte überrascht auf, als die Ruhe vor dem Sturm hereinbrach. Es war noch zu wenig Zeit, sie musste länger durchhalten. Sie spannte all ihre Muskeln an und versuchte ein mächtigeres Kraftfeld zu projizieren.
    „Feuer!“ hallte Kanoes Stimme vom Dach des Gebäudes nieder. Dutzende Schüsse wurden gleichzeitig abgegeben, das Licht begann zu flackern. Der letzte Schuss passierte das Kraftfeld; Blut tropfte zu Boden.
    Elbin fühlte einen stechenden Schmerz, sie spürte, dass die Hexe gefallen war. Verzweifelt presste sie Hinoto noch fester an sich.
    Yolanda saß auf dem Boden und blickte trotzig zu Kanoe auf, die mittlerweile heruntergestiegen war und direkt vor ihr stand. Blut tropfte von ihrem verletzten Oberarm herunter.
    „Gib mir meinen Sohn zurück!“ stieß Yolanda klar und deutlich hervor, ihre Augen verrieten wilde Entschlossenheit bis zum Ende zu kämpfen.
    „Es soll geschehen!“ antwortete Kanoe gelassen. „Aber ich muss Dich warnen, manche Wünsche sollten nie in Erfüllung gehen!“ Sie nickte zweien der Männer zu, welche sogleich Yolanda an ihren Oberarmen packten und diese unter Schmerzensschreien auf die Füße zogen.
    „Ich werde Dich zu ihm bringen!“ fuhr Kanoe selbstsicher fort. „Genauer gesagt zu dem, was von ihm übrig geblieben ist, damit Du sein Schicksal teilen kannst!“
    Yolandas Augen weiteten sich. Wortlos lies sie sich von den Wachmanschaffen in das Hauptgebäude bringen.
    Kanoes Mobiltelefon klingelte. Ein kühler Wind wehte durch ihr schwarzes, glattes Haar.
    „Ich bin in Nr. 3s Nähe!“ erklang Sciarhs Stimme.
    „Dann ist es also soweit.“ seufzte Kanoe, machte eine längere Pause und blickte dem Nachthimmel entgegen. „Du weißt, was zu tun ist!“ Ohne eine Antwort abzuwarten legte sie auf.
    Der Sturm verstärkte sich. Sie wusste nur allzu gut, was Nr. 3 durchgemacht hatte, und dennoch, dennoch hoffte sie auf eine andere Lösung.
    Vom eigenen Vater verraten, vom beauftragten des Königs vergewaltigt, war die Seele der einstigen Prinzessin gebrochen. Allerdings barg Nr. 3s Körper einen der Schlüssel, den Kanoe benötigte. Kanoe redete sich immer wieder ein, dass Nr. 3 nur noch eine lebende Hülle bildete. Was sie einst zum Menschen gemacht hatte, blieb in der Vergangenheit zurück.
    Mit traurigen Augen blickte Kanoe auf die dunkle, glänzende Handfeuerwaffe. Sie durfte sich von persönlichen Gefühlen nicht ablenken lassen. Sie musste ihr Ziel vor Augen behalten, das Schicksal der Erde stand auf dem Spiel.
    Entschlossen wand sie sich um. Sie würde ihre Aufgabe zu Ende führen, koste es was es wolle.

    Nervös blickte Tigress über ihre Schulter und spähte um die Ecke. Der Korridor lag verlassen vor ihnen. Sie wusste nicht, ob die Sicherheitskameras wieder funktionierten und sie direkt in eine Falle liefen, oder ob sie tatsächlich eine Chance hatten zu entkommen.
    Romulus lies weder sie noch Alaynna aus den Augen. Er erzählte ihr, dass alle Todesopfer angeblich mit dem Konzern in Verbindung standen, baute geschickt Halbwahrheiten ein, damit seine Partnerin nicht misstrauisch werden würde. Dennoch verhielt sie sich auffällig wachsam. Romulus beschloss kein Risiko einzugehen.
    „Ich wüsste zu gerne, woran dieser Konzern sonst noch herumexperimentiert!“ brach Tigress das Schweigen.
    Müde blickte Alaynna auf.
    „Ihr wisst was ich meine. Wir haben bis jetzt nur einzelne Puzzlestückchen!“ Noch immer jagte ihr ein Schauer über den Rücken, wenn sie an Hinotos Worte dachte.
    Alaynna hörte nur halb zu. Ihre Gedanken rasten um ihre Schwester herum, der blanke Hass, mit dem Antiflag sie angestarrt hatte; Alaynna fragte sich, ob sie tatsächlich derart verachtungswürdig war. Zugegeben, sie und Antiflag hatten in letzter Zeit kein sehr gutes Verhältnis, aber hatte sie Antiflag derart verletzen? Zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie nicht Mitschuld an Antiflags Entwicklung trug.
    Der Gang endete an einer T-förmigen Kreuzung, in einer großen Halle breiteten sich unter ihnen zahlreiche Generatoren aus. Zwei rostbraune, zylinderförmige Gebilde ragten bis zur Decke empor. Es war zu dunkel und zu tief, um bis auf den Boden blicken zu können. Das regelmäßige brummen der Motoren hallte von den Wänden wieder.
    „Das war’s dann wohl!“ rief Romulus ihnen zu. Ein stechender Schmerz erfasste Alaynnas Hinterkopf, ehe sie bewusstlos zu Boden fiel. „Hier endete unsere Reise!“
    Erschrocken fuhr Tigress herum und blickte direkt in die Mündung seiner Waffe.
    „Was soll das?“ fuhr sie aufgebracht auf und griff reflexartig zu ihrer Pistole.
    „Das würde ich schön sein lassen!“ zischte Romulus.
    Tigress biss wütend die Zähne zusammen, doch ihre Augen verrieten ihren Schmerz, den der Verrat in ihr ausgelöst hatte.
    „Das ist es wert gewesen!“ lächelte Romulus. „Ich hätte Dich direkt von hinten erschießen können, aber ich wollte sehen, wie Du die Zusammenhänge begreifst. Außerdem wollte ich wissen, wie viel ihr schon in Erfahrung gebracht habt!“
    „Die ganze Zeit über!“ die Polizistin blickte zu Boden. „Du hast mich absichtlich in die Falle laufen lassen?!“
    Romulus antwortete nicht. Er würde nicht den Fehler begehen, zu lange zu warten, bis Tigress eine Möglichkeit fand zu entkommen. Eigentlich hatte er gehofft, einige Wachen anzutreffen, aber offensichtlich hatten diese gerade andere Sorgen. Er richtete seinen Lauf direkt auf Tigress Stirn.
    „Sieh es von der Seite; ich erlöse Dich!“ erwiderte er entschlossen.
    „Nein!“ schrie eine Stimme hinter ihm auf. Ein heftiger Schmerz durchfuhr seinen rechten Oberarm, als Antiflag mit einem Eisenrohr darauf schlug.
    „Miststück!“ fauchte er und richtete sich wieder auf. Tigress zog ihre Waffe. Antiflag hielt sich krampfhaft an Romulus Händen fest und erschwerte das Zielen.
    Romulus sah aus den Augenwinkeln, wie Tigress ihre Pistole entsicherte. Er nahm all seine Kraft zusammen und stieß Antiflag von sich um abzudrücken. Ein einzelner Schuss löste sich.

    Ein kräftiger Wind peitschte durch die dunklen Baumkronen. Ihr langes, rotbraunes Haar wurde aufgewirbelt, bevor die Stille wieder einkehrte. Sie spürte es deutlich, die beiden Schwestern waren in Gefahr. Nr. 3 starrte auf diese fremdartigen Gebäude. Sie war jahrelang in der eisernen Kammer eingesperrt gewesen, von den Männern auf die so genannte Außenwelt vorbereitet worden. Aber ihre Erwartungen waren weit übertroffen.
    Nr. 3 schaltete all diese Eindrücke ab. Sie spürte die Anwesenheit der Schwestern, sie musste sie endlich erreichen, nur darauf durfte sie sich konzentrieren.
    „Warte!“ rief ihr eine ruhige, klare Frauenstimme von hinten entgegen.
    Nr. 3 drehte sich um. Am Waldrand stand eine hoch gewachsene, junge Frau. Sie trug ein langes, weites schwarzes Kleid, welches genauso wie ihr blondes Haar bis zum Boden reichte. Ohne die Haare wäre es schwer gewesen sie vor dem dunklen Hintergrund zu erkennen.
    Nr. 3 runzelte die Stirn. „Ich kenne Dich!“
    „Mein Name ist Yayoi, und es ist richtig, wir sind uns schon einmal begegnet.“
    „Verschwinde!“ stieß Nr. 3 leise hervor und wand sich wieder um.
    „Ich möchte Dich vor einem großen Fehler bewahren. Vertrau mir, und komm mit.“ gab sich Yayoi nicht geschlagen und trat aus dem Schatten des Waldes hervor.
    „Ich werde niemandem jemals wieder vertrauen!“ erwiderte Nr. 3 knapp.
    „Du weißt nicht, was alles auf dem Spiel steht.“
    „Das interessiert mich nicht!“
    Yayoi atmete tief durch. „Mein Auftauchen ist kein Zufall. Du weißt genau, was es bedeutet!“
    Nr. 3 hielt inne. Ihre Gedanken rasten, sie musste die Schwestern schützen, nur auf welche Weise?
    „Ich fürchte, dass kann ich nicht zulassen!“ mischte sich eine dritte Stimme ein. Eine kräftige Windböe schlug Yayoi entgegen, nur mit Mühe konnte sie sich an einem Baumstamm abstützen und das Gleichgewicht halten.
    Sciarh zögerte nicht lange und stürzte sich auf Nr. 3, die reglos dastand und ihn anstarrte. Ein kräftiger Ruck erfasste seinen Körper und schleuderte ihn mitten im Sprung zurück gegen die Häuserwand des Hauptgebäudes. Er spürte ihre Energie, es kostete ihn all seine Kräfte nicht zerrissen zu werden. Nr. 3 griff erneut an, er schaffte es sie teilweise zu blocken, aber die Wucht ihrer Fähigkeiten prallte auf das Gebäude. Ein tiefes, bedrohliches Dröhnen erklang: für wenige Augenblicke schien die Luft still zu stehen. Plötzlich löste sich ein Teil der Fassade, aus dem hinteren Teil erklang eine Explosion, Flammen schlugen gen Himmel auf. Mehrere Risse breiteten sich über die gesamte Wand aus.
    Sciarh versuchte sich aufzurichten, doch der Kampf hatte ihn zu sehr angestrengt.
    Ein bedrohliches, ächzendes Geräusch klang von dem Gebäude herüber.
    „Die Zeit drängt! Du musst mir vertrauen!“ versuchte es Yayoi erneut.
    Nr. 3 blickte zu dem Gebäude und nickte kurz. „Was soll ich machen?“ fragte sie tonlos.
    „Bevor ich die Anderen hole, müssen wir noch etwas wichtiges in der Stadt erledigen!“ erklärte Yayoi und verschwand zusammen mit Nr. 3 im Dunkel des Waldes.

    Die Erschütterung war sogar in den unteren Ebenen deutlich zu spüren. Das Licht flackerte erneut, einem weiteren Angriff würde das Gebäude nicht mehr standhalten. Ihre Schritte hallten den langen, schmalen Flur entlang und bildeten somit das einzige Lebenszeichen. Nur die Notbeleuchtung spendete einen matten, schummrigen Schimmer.
    Catherinas langes Kleid strich über den kalten Boden. An der Seite blinkten kleinere Lämpchen auf, doch die meisten Monitore blieben dunkel. Endlich erreichte Catherina den entscheidenden Rechner. Entschlossen gab sie den Sicherheitscode ein, kurz darauf erklang ein surrendes Geräusch, als sich eine schmale Kunststoffabdeckung zur Seite schob. Sie musterte den kleinen, goldenen Schlüssel in ihrer Hand und atmete tief durch. Vorsichtig setzte sie ihn ein, zögerte noch einen Augenblick und drehte ihn um.
    Sofort ertönte das bekannte Geräusch eines hochfahrenden Rechners, kurz darauf warf ein einzelner, großer Monitor ein blasses, blaues Licht auf Catherinas Gesicht. Sie gab mehrere Befehle ein, bis endlich die erhoffte Stimme erklang. Zufrieden richtete sie sich auf und lauschte den sich wiederholenden Worten:
    „REAKTORÜBERHITZUNG INITIIERT.
    SELBSTZERSTÖRUNGSSEQUENZ AKTIVIERT.
    SOFORTIGE EVAKIERUNG EINLEITEN!“

    Das 12te und somit letzte Kapitel kommt diese Woche, damit wird diese Geschichte abgeschlossen. Ich hoffe ihr habt noch Spaß beim lesen ^^
    Geändert von darkgemini (17.10.08 um 02:39 Uhr)
    Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt~Mahatma Gandhi

    *Die Königin der tausend Jahre* ~ Fans und Folgen immer gerne gesucht *Als die Tiere den Wald verließen*Sailor Moon*Lady Oscar*Anne mit den roten Haaren*Kleine Prinzessin Sara*Katri/Katholi ~Das Mädchen von der Farm*Mila*Eine fröhliche Familie*Perrine*Robin Hood*Pollyanna*Niklaas*Heidi*Marco*

  13. #301
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    Und hier ist es, das letzte Kapitel:

    Kapitel 12


    Das Echo des Schusses hallte von den Wänden wieder. Für einen Augenblick war nichts weiter zu vernehmen, als das regelmäßige Rotieren der Generatoren. Die Zeit stand still, bis sich einer der drei Schatten löste und auf den Knien zusammensackte.
    Romulus reagierte blitzschnell und packte Antiflag an den Haaren, schützend zerrte er ihren Oberkörper wieder hoch und hielt sie sich vor die Brust. Diese schrie aus Leibenskräften auf, jedoch nicht durch den kräftigen Ruck, sondern durch die Wunde, die über ihrem Bauch klaffte. Warmes Blut rann ihren Körper hinunter und tropfte auf den Boden.
    „Wage es ja nicht“ zischte Romulus seiner ehemaligen Partnerin zu. „Lass die Waffe fallen!“ Um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen, presste er die Mündung seiner Pistole direkt auf Antiflags Schläfe. Tigress zögerte. Hektisch blickte sie von einem zum anderen.
    „Na wird’s bald!“ schrie Romulus auf.
    Eine laute, anhaltende Alarmsirene erklang, mehrere rote Warnleuchten begannen zu rotieren. Überrascht blickte Romulus auf.
    Antiflag nutze den Augenblick; sie biss ihre Zähne zusammen und stieß sich mit voller Wucht vom Boden ab. Romulus schrie überrascht auf und taumelte rückwärts, ließ sie jedoch nicht los. Zu spät bemerkte er, wie sich eine dünne Eisenstange des Geländers in seinen Rücken bohrte, hilflos versuchte er sich noch an etwas festzuhalten, doch es war zu spät. Mit vor Schreck aufgerissenen Augen stürzte er rücklings den Abgrund hinunter. Sein Gewicht zog Antiflag mit sich, verzweifelt umklammerte sie sich um das Geländer. Ihr linker Arm war taub, sie hörte seinen Schrei, als er stürze, und rutschte selber ab. Im letzten Moment ergriff Tigress ihre Finger und zog sie hoch. Keuchend landeten beide Frauen auf dem Boden der Plattform. Antiflag schnappte nach Luft, spürte jedoch, wie ein Brechreiz sie überkam und übergab sich direkt vor sich. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn, die Wunde war schwerer als erwartet.
    „Lass mich sie sehen!“ sprach Tigress und streckte vorsichtig ihre Hand aus, hielt jedoch inne, als Antiflag zurückwich.
    „Dafür haben wir keine Zeit!“ presste diese hervor. „Das Selbstzerstörungssystem, wir müssen sofort verschwinden!“
    Unentschlossen starrte Tigress in Antiflags Augen. Sie konnte niemandem mehr vertrauen, nie mehr, nicht nach allem, was Romulus getan hatte.
    Stöhnend setzte sich Alaynna auf und riss Tigress somit aus ihren Gedankengängen. Ein hysterischer Schrei entfuhr ihrer Kehle, als sie ihre Schwester erkannte.
    “Es ist in Ordnung, sie hat uns das Leben gerettet!“ erklärte Tigress, allerdings wich Alaynna weiter zurück. Erst jetzt fiel ihr die Schussverletzung auf.
    „Wir müssen hier verschwinden, sofort!“ drängte Tigress, die sich langsam wieder fing.
    „Der Kontrollraum ist nicht weit!“ fuhr Antiflag unter großer Anstrengung fort. „Vielleicht schaffen wir es den Countdown zu deaktivieren!“
    „Und wie willst Du an den Wachen vorbei?“ fragte Alaynna scharf zurück und erschrak selbst vor ihrer Stimme. Sie hatte Antiflag nicht derart anfahren wollen.
    „Sie hat recht!“ mischte Tigress sich ein. „Wir müssen das Selbstzerstörungssystem stoppen. Wir wissen nicht, wie weit der Explosionsradius reicht, und wie viele Menschen dabei sterben könnten!“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten lief sie zu Antiflag und verband provisorisch die Wunde. Alaynna blickte zur Seite in eine glänzend polierte Metallfläche. Zum ersten Mal konnte sie ihren eigenen Anblick nicht ertragen.
    „Alaynna, hilf mir!“ rief Tigress.
    Wortlos eilte Alaynna herbei und stütze Antiflag von der Seite. Beide Schwestern warfen sich einen kurzen, dankbaren Blick zu, der wenigstens für diesen Moment die Vergangenheit vergessen ließ und einen Neuanfang bedeuten sollte.
    Auf Tigress Kommando hoben sie Antiflag auf die Beine. Bevor sie fort gingen, warf Tigress einen flüchtigen Blick in den schwarzen Abgrund herunter, doch in der undurchdringlichen Schwärze war von Romulus keine Spur.

    Ungläubig starrte Patterknife auf die beiden im Kristall eingeschlossenen Gestalten. Lediglich zwei flackernde Fackeln erhellten das feuchte Kellergewölbe, doch das genügte.
    Deg spürte, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde und tastete hektisch hinter sich herum. Mit einer geschickten Bewegung zog sie ein kleines Messer aus ihrer Hosentasche und schnappte es auf, um es sogleich hinter ihrer Handfläche zu verbergen.
    „Das ist also damals mit ihr geschehen!“ stellte Patterknife fest, ohne eine Antwort zu erwarten. Selbst nach all den Jahren konnte er Lykanas ungebeugte, stolze Haltung erkennen.
    Patterknife ballte seine Hände zu Fäusten, als sein Blick auf die andere, gefährlichere Gestalt fiel.
    Deg holte tief Luft, sie wusste, sie würde nur eine Chance haben.
    Lykanas Hände waren fest umklammert, einem Schraubstock gleich hielt sie ihr Rivale fest. Unbändig, wild, und voller Verachtung musterte es seine Gegnerin aus unergründlich tiefen Augen. Selbst Patterknife spürte noch immer die Kälte und Boshaftigkeit dieses Dämons, nein, dieses Wesens. Es schien eine Schwärze auszustrahlen, die kein Licht jemals durchdringen könnte. Patterknife hatte gehofft, dass es für immer verbannt sein würde, umso schockierter war er, als er erkannte, worauf Kanoe es tatsächlich abgesehen hatte!
    Ein tiefer Schmerz durchfuhr seinen Rücken hinauf bis zu seiner rechten Schulter, er war für einen Augenblick unkonzentriert gewesen und bezahlte dies sofort. Deg stieß mit aller Kraft zu und bohrte das Messer so tief sie konnte in sein Fleisch. Mit einem einzigen Schlag warf er sie zu Boden, das Messer fiel ihr aus der Hand.
    „Närrin, dachtest Du wirklich, mit so einem Buttermesser kannst Du mich aufhalten?“ spottete er.
    „Unterschätze mich nicht!“ erwiderte Deg überraschend gefasst und stand langsam auf. Mehrere Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. „Du weißt nicht, mit wem Du es zu tun hast!“
    Ein leichtes Grinsen zuckte über Patterknifes Lippen.
    „Wie Du willst, wir kämpfen, bis zum Tod!“
    Ohne eine Antwort abzuwarten stürzte er sich auf Deg. Mit einem geschickten Seitwärtssprung wich sie zur Seite aus und holte dabei mit einem Holzbrett aus, welches sie hinter ihrem Rücken versteckt hatte. Die Spitze verfehlte nur knapp Patterknifes Herz. Blitzschnell ergriff er Degs Handgelenk und wand es um, das Knacken der Knochen ging in ihren Schreien unter. Er spannte seine Muskeln an und trat mit all seiner Kraft gegen ihren Bauch, wodurch sie gegen die Kristallwand prallte.
    „Das war’s schon?“ lachte er auf.
    „Noch lange nicht!“ keuchte Deg und stand auf zitternden Beinen auf. Ihre Atmung ging schwer, dennoch versuchte sie ihren Schmerz zu ignorieren.
    Patterknife liebte es mit seiner Beute zu spielen, aber er durfte jetzt keine Zeit verstreichen lassen!
    Ein lauter Aufschrei erklang, als ihn Lamia von hinten Angriff, für einen Augenblick war der Raum von grünlichen Flammen ausgefüllt.
    Deg zögerte keinen Augenblick, sie hob einen kleinen, modrigen Hocker und stürzte sich auf den Vampir. Das Holz splitterte unter der Wucht des Aufpralls, allerdings hatte sie ihre Verletzung unterschätzt und sackte zusammen. Tränen schossen in ihre Augen, während sie ihre gebrochene Hand vorsichtig umklammerte.
    Im letzten Augenblick konnte Patterknife einen tödlichen Angriff der Hexe abwehren und warf sie von sich. Ihre Augen funkelten auf.
    „Ihr seid wahnsinnig geworden!“ versuchte er die Hexe abzulenken, während er neue Kraft schöpfte und ihre Bewegungen studierte. „Ihr werdet es niemals kontrollieren können, weder Du noch Kanoe!“
    „Wer sagt, dass wir das jemals vorhatten!“ erwiderte Lamia konzentriert.
    Ein leises, klirrendes Geräusch ließ Patterknife aufhorchen. Ein schmaler Riss hatte sich auf der Oberfläche des Kristalls gebildet.
    Zum ersten Mal seit langem spürte er so etwas wie Entsetzen in sich aufsteigen, als er erkannte, dass sich der Riss ausbreitete. Selbst Lamia schien von dem Anblick gefesselt zu sein und vergaß ihren Kontrahenten.
    Die Augen der Kreatur glühten auf, mit einem Schlag zersprang der gesamte Kristall in Hunderte Scherben. Als hätte sich alle Finsternis in einem Punkt versammelt fokussierte es die drei Gestalten, bevor eine dunkle Wolke explosionsartig den Raum erfüllte und alles in sich verschlang.

    Die Männer blickten untereinander nervös an. Sie kannten ihre Aufgabe, allerdings haben sie nicht damit gerechnet, dass dieser Alarm jemals ausgelöst werden würde.
    Die Tür öffnete sich, wütend rauschte Bozz in die Kommandozentrale. Mit einer Kopfbewegung befahl er allen das Gebäude zu verlassen.
    Kanoe hantiert gewohnt ruhig an einer der Konsolen, allerdings verrieten ihre Augen, dass sie innerlich sehr aufgewühlt war. Bozz beachtete sie nicht weiter und stellte sich vor einen der Bildschirme, kurz darauf erschien Catherinas Gesicht.
    „Du hattest nicht den Befehl, die Reaktoren zu überhitzen!“ fuhr er sie direkt an. Seine Zähne knirschten, während er versuchte zu erkennen, wo sie sich befand. Wind wehte durch ihr Haar, der Knoten löste sich und lies es lang über die Schultern fallen.
    „Es ist der einzige Weg, alle auf einen Schlag auszuschalten. Wir dürfen keine Spuren hinterlassen, das waren Deine eigenen Worte!“ erwiderte sie gelassen. „Ich verschwende keine weitere Zeit!“ ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, während sie in ihr Handy sprach und offensichtlich versuchte etwas schnellstmöglich zu erreichen.
    „Nur ich bin befugt, diesen Prozess auszulösen!“ erwiderte er gereizt.
    „Mit Verlaub, Deine Befugnis hat dazu geführt, dass wir erst in diese Situation geraten sind.“ fuhr sie kalt fort. Ihre Augen versprühte reine Verachtung. „Sieh lieber zu, dass niemand das Gebäude verlassen wird!“
    Etwas bewegte sich in ihrer Nähe. Bozz sah genauer hin, für einen Augenblick ragte der Nachthimmel hinter Catherina auf. Sie befand sich auf dem Dach!
    „Catherina!“ entfuhr es ihm. „Das ist der einzige Hubschrauber in dieser Anlage!“ Seine Augen weiteten sich, als er erkannte, was sie vorhatte.
    „Entschuldige, Liebling.“ antwortete sie sanft und schob die Tür des Helikopters hinter sich zu. „Ich habe nicht vor mein Leben hier zu verlieren. Einer von uns muss die Aufgabe vollenden. Blockiere alle Ausgänge, und geh mit der Würde unter, die man von einem Anführer erwartet!“
    Bozz öffnete den Mund, um etwas erwidern zu wollen, doch ihm versagte die Stimme.
    „Mach Dir keine Sorgen!“ rief Catherina weiter, mittlerweile gegen den Lärm der Rotorengeräusche ankämpfend. „Ich werde den Konzern würdig in Deinem Namen weiterführen!“ kurz darauf war ihr Bild verschwunden.
    Auf einem kleineren Bildschirm konnte Bozz sehen, wie der Hubschrauber abhob und in der Nacht verschwand. Reglos stand er alleine in der Kommandozentrale, nur das regelmäßige Heulen der Sirenen erfüllte den Raum. Seine Hände zitterten vor Wut, als er sie zu Fäusten ballte.
    „Deswegen sollte man vorsichtig sein, wem man vertraut!“ erklang Kanoes Stimme aus dem Hintergrund. „Sie hat die Codes geändert, ich kann das System nicht mehr deaktivieren!“
    „Genießt Du Deinen Triumph!“ gab Bozz trocken wieder, ohne sich umzudrehen.
    „Du hast Deine Aufgabe vergessen!“ erwiderte sie ebenfalls in persönlichem Tonfall. „Die ganze Zeit über warst Du mehr darauf konzentriert Deine persönlichen Machtspielchen voranzutreiben, und jetzt siehst Du, was dabei herausgekommen ist!“
    „Wir werden unsere Aufgabe in Paris wieder aufnehmen, das hier ist nur eine Basis von vielen.“
    „Wir?“ fuhr Kanoe entrüstet auf. „Wir haben nie etwas zusammen geleistet. Ich allein habe dieses Projekt vorangetrieben, während Du nur daran interessiert warst, Deine Position zu sichern!“
    Wütend fuhr er herum, starrte jedoch sogleich an Kanoe vorbei auf die Monitore, welche die Brände und Explosionen im Gebäude anzeigten.
    Kanoe redete in Rage weiter. „Es waren meine Krieger, meine Anstrengungen, meine ganze Arbeit, während Du den Ruhm eingeheimst hast! Ich alleine habe dieses Werk vollbracht!“
    Bozz lachte spöttisch auf. „Bitte sehr. Ich überlasse Dir die Kontrolle. Du hast die Macht über einen für uns völlig nutzlosen Konzern, Königin Kanoe!“
    Missbilligend schüttelte er den Kopf und wand sich zum Gehen. Kanoe verlor die Fassung. Sie zog ihre Waffe und schoss Bozz in den Rücken. Der stellvertretende Konzernleiter hielt eine Sekunde lang in der Bewegung inne, bevor er auf die Knie sackte und vornüber auf den Boden fiel.
    Kanoe atmete stoßweise aus. Sie strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
    Etwas knallte gegen die Tür, kurz darauf explodierte das Schloss und die Tür glitt auf. Ehe sie reagieren konnte streifte eine Kugel ihren rechten Oberarm. Die Waffe fiel scheppernd zu Boden, während Kanoe die Zähne zusammen presste und rückwärts an der Wand herunter glitt. Wütend funkelte sie Tigress an, die ihre Widersacherin nicht aus den Augen ließ.
    Alaynna stütze Antiflag und half ihr sich auf einen der Stühle zu setzen. Die Blutung hatte mittlerweile nachgelassen, doch Antiflags vernarbtes Gesicht war außergewöhnlich blass, die Lippen traten blau schimmernd hervor. Vorsichtig wischte Alaynna ihr den Fieberschweiß von der Stirn.
    „Die Codes zur Deaktivierung des Sprengmechanismus!“ verlangte Tigress von Kanoe zu erfahren.
    „Das ist nutzlos.“ antwortete diese knapp und spürte, wie warmes Blut zwischen ihren Fingern hervorquoll. Ein Schuss prallte direkt neben Kanoe in die Wand, ihr linkes Ohr schien betäubt zu sein.
    „Beim nächsten Mal geht es nicht daneben!“ drohte Tigress.
    „Die Zugangsdaten wurden geändert, was glaubt ihr habe ich hier versucht? Ich kann es nicht mehr verhindern!“
    Die Polizistin blickte tief in Kanoes Augen; sie schien die Wahrheit zu sagen.
    Alaynna entdeckte den Mann, der kurz vor einem der Ausgänge reglos auf dem Boden lag. Resigniert schüttelte sie den Kopf, als sie keinen Pulsschlag spüren konnte.
    „Halte sie in Schach!“ bat Tigress Antiflag. „Wir müssen versuchen das System zu deaktivieren!“
    Antiflag nickte wortlos und nahm die Waffe an sich.
    „Alaynna, hilf mir!“ befahl Tigress und rannte zu einem der Terminals.
    Kanoe musterte ihre neue Wächterin genau. Antiflag stütze ihre Hand ab und bemühte sich Kanoes stechendem Blick auszuweichen.
    `Antiflag, hör mir zu` vernahm sie Kanoes Stimme in ihren Gedanken. Vorsichtig blickte sie zu ihrer Schwester hinüber, doch diese war mit Tigress zu konzentriert, als dass die Beiden sie beachten würden.
    Kanoes Blick wanderte zu ihrer eigenen Waffe, die nur wenige Schritte vor ihr entfernt lag. Wenn sie sich beeilte, könnte sie es bis zum Ausgang schaffen.
    Er ist hier’ fuhr sie fort in Antiflags Unterbewusstsein einzudringen.‚Pothe wartet auf Dich, Du darfst Dich nicht bewegen’
    Sofort kam die Erinnerung in Antiflag wieder hoch, der Schmerz, die Vergewaltigung, die Demütigung. Tränen schossen ihr in die Augen und sie begann zu zittern, doch sie ließ Kanoe nicht aus den Augen. Die Anderen schienen Kanoes Stimme nicht wahrzunehmen.
    Er will sein Werk vollenden.’ redete Kanoe weiter auf sie ein. Langsam griff sie nach oben und zog sich an einem der Schreibtische hoch. Nervös sah sie zu Tigress, die ihr noch immer den Rücken zukehrte.
    Er wird wieder in Dich eindringen! Du musst mir vertrauen, beweg Dich nicht! Nur so kannst Du ihm entkommen!’ Antiflag zitterte immer stärker, ihr Blick verschwamm, ohne dass sie es wollte.
    Kanoe sprang auf. Sofort schoss Antiflag, doch der Schuss traf lediglich die Konsole. Erschrocken fuhr Tigress herum und sah nur noch, wie Kanoe in einem der Gänge verschwand und die Tür hinter ihr zufiel.
    „Es tut mir Leid!“ schluchzte Antiflag und lehnte sich zurück, die Erinnerung an Pothe hatte sie zu sehr aufgewühlt und ihre körperlichen Schmerzen irgendwie verstärkt.
    „NOCH VIER MINUTEN BIS ZUR DETONATION!“ hallte ungnädig eine weibliche Computerstimme durch die Lautsprecher.
    Mehrere Funken sprühten von einem der Bildschirme auf.
    „Raus hier!“ schrie Tigress, als sie die Gefahr erkannte. Ohne Rücksicht auf Antiflags Verfassung zu nehmen, packte sie diese am Handgelenk und zerrte sie hinter sich her. Gleichzeitig fing einer der Rechner Feuer, eine Explosion erfasste den Raum und jagte die gesamte Kommandozentrale in die Luft.

    Drei metallene Tische erfüllten den kleinen, weißgekachelten Raum. Überall an den Wänden befanden sich mehrere Schränke mit allerlei medizinischen Geräten. Kaltes, weißes Licht fiel von den Neonröhren herab. Unwillkürlich musste Yayoj frösteln.
    Der Mann lief routiniert zum mittleren Tisch und zog die Decke zurück. Sein Gesicht verriet keinerlei Regung, im Gegenteil, er schien diese lästige Aufgabe schnell hinter sich bringen zu wollen, um seine Arbeit wieder aufzunehmen.
    Tränen traten in Yayojs Augen, sie nickte kaum merklich, jedoch genug, dass der Mann die benötigte Zustimmung erhalten hatte. Ein Telefon klingelte und er zog sich in den hinteren Teil des Raumes zurück, wissend, dass sich die Anzahl der Leichen in den nächsten Stunden stetig erhöhen würde.
    Vorsichtig griff Yayoj nach Blaks rechter Hand und fiel auf die Knie. Man hatte ihn hierher gebracht, weil sein Tod allem Anschein nach gewaltsam durch Menschenhand ausgeführt worden war.
    Nr. 3 blieb regungslos an der Tür stehen und beobachtete die beiden. Ihre Gedanken kreisten um Alaynna und Antiflag. Die beiden Schwestern waren ihre letzten lebenden Verwandten, auch wenn sie viele Generationen trennten. Sie fragte sich, wie stark die telekinetischen Kräfte bei den Beiden ausgeprägt waren.
    „Es tut mir Leid!“ flüsterte Yayoj leise und hielt sich Blaks Hand an die Wange. „Ich hätte Dich niemals hierher schicken sollen!“
    Mit ausdrucklosen, matten Augen starrte er an die Decke. Dunkelrotes, verkrustetes Blut klebte ihm auf seinem Gesicht und umrahmte die Wunde an seinem Hals.
    Sanft legte Yayoj ihm die Finger auf die Augen und schloss diese vorsichtig. Der Arzt brummte etwas wütendes, war jedoch durch das Telefongespräch abgelenkt.
    „Was werden wir jetzt machen?“ fragte Nr. 3 mit einer Mischung aus Ungeduld und Neugier.
    Vorsichtig erhob sich Yayoj, ihr bodenlanges, blondes Haar fiel über ihre Schultern herab.
    „Es ist meine Schuld, dass er starb. Ich habe ihn gebeten auf Hinoto aufzupassen. Jetzt ist es unsere Aufgabe diesen Kampf zu beenden. Ich werde die anderen holen.“
    „Auch auf die Gefahr hin, dass ihr erkannt werdet?“ fragte Nr.3 verständnislos.
    Yayoj nickte knapp. Sie haben sich lange genug auf diesen Tag vorbereitet, es war Zeit, dass ihre Truppen ausrückten. Weder Hinoto, noch Kanoe, wussten, wer eigentlich ihre wahren Feinde waren. Die beiden Schwestern boten die perfekte Ablenkung, und es würde nicht mehr lange dauern, bis jede Abwehr zu spät käme.
    Yayoj sah ein letztes Mal zu Blak herab und verabschiedete sich. Er ist alleine gestorben, und beinahe wäre sein Geheimnis mit ihm untergegangen. Beinahe!
    Mit neu gewonnener Kraft wand sie sich Nr. 3 zu.
    „Früher oder später werden die Menschen von unserer Existenz erfahren. Zwar habe ich diesen Tag befürchtet, doch ich wusste, er würde kommen.“ Sie holte noch einmal tief Luft. „Ich werde den Eingriffsbefehl erteilen!“

    Alaynna lehnte völlig außer Atem an der Wand. Gnadenlos rannten die letzten Sekunden des Countdowns herunter. Sie sah zu ihrer Schwester, die keuchend auf dem Boden saß. Durch Tigress Flucht hatte die Wunde wieder begonnen zu bluten. Vorsichtig legte Alaynna Antiflag den Arm um die Schultern und drückte sie an sich. Sie wusste, sie würden es hier nicht mehr rechtzeitig rausschaffen.
    „Verdammt!“ fluchte Tigress auf und schlug mit der Faust gegen die Tür, durch die Kanoe scheinbar verschwunden war. Wie immer hatte sie ihren kämpferischen Geist nicht verloren und versuchte verzweifelt einen Ausweg zu finden. Aber die Türen waren blockiert, es gab keine Fluchtmöglichkeit mehr. Sie saßen in diesem kleinen Verbindungsraum fest!
    Alaynna küsste ihre Schwester sanft auf die Wange, überrascht blickte diese auf. Sie wollte sie um Vergebung bitten, brachte die Worte jedoch nicht hervor. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie in Antiflags mattes, dunkelbraunes Auge blickte. Langsam stand sie auf und blickte durch die kleine Glasscheibe in der Eingangstür zurück in die Kommandozentrale. Die Explosion hatte nahezu alles zerstört, der Raum brannte lichterloh, während sich an der Decke der Rauch sammelte. Entweder würde die Tür nachgeben und sie würden lebendig verbrennen, oder durch die Explosion sterben.
    Sie blickte nochmals zu Tigress, in diesem Augenblick wünschte sie sich, sie hätte die gleichen Fähigkeiten wie Antiflag, aber so sehr sie sich anspannte, so sehr sie ihre Kräfte sammelte, nichts geschah. Ihre Schwester war zu erschöpft. Wieder hallte der unbarmherzige Ton der Computerstimme durch den schmalen Zwischenraum.
    Alaynna wusste was zu tun war, entschlossen griff sie nach dem Türknauf und stieß die Tür auf. Die Flammen schlugen hoch und leckten nach dem frischen Sauerstoff. Tigress wirbelte erschrocken herum, Antiflag versuchte sich aufzusetzen. Panisch taumelte sie Alaynna hinterher und versuchte die Tür aufzureißen, doch Tigress hielt sie zurück.
    “Nein! Lass mich los!“ schrie Antiflag außer sich und versuchte sich zu befreien.
    Tigress presste ihren Körper an sich und starrte durch das kleine Fenster. „Da drin wirst Du sterben!“ flüsterte sie tonlos.
    Alaynna hatte ihr Ziel fest vor Augen, es waren nur wenige Schritte. Die Hitze schlug ihr, einer undurchdringlichen Wand gleich, entgegen. Ihre Haut schmerzte. Mehrere Flammen loderten rechts von ihr auf und versengten ihre Haut, instinktiv wich sie zurück und wollte schreiend heraus rennen. Vor ihrem Bewusstsein brannten sich Antiflags Gesicht ein, sie musste es schaffen. Entschlossen zwang sie sich einen Schritt vorwärts zu gehen, Ihre Kleidung klebte bereits vor Schweiß an ihrem Körper, die Tränen begannen sofort zu verdampfen. Ein beißender Gestank aus verbranntem Plastik lag in der Luft und löste einen anhaltenden Hustenreiz aus. Die Sicht verschwamm durch den dichten Rauch, sie hörte, wie die Flammen ungnädig neben ihr aufloderten und ihr Haar erfassten.
    Bilder ihrer Jugend rasten vor ihrem geistigen Auge vorbei, ihr Vater, ihre Freunde und Antiflag; als sie 12 Jahre alt waren und Alaynna ihrer Schwester das Haar kämmte. Ihre Schwester lächelte, nein, sie strahlte eine unbeschwerte Wärme aus.
    Alaynna zwang sich einen weiteren Schritt vorwärts zu gehen. Sie würde es nicht schaffen, Panik stieg in ihr auf und drohte die Überhand zu gewinnen. Ihr Weg wurde von mehreren Flammen blockiert, sie spürte, wie ihre Kleidung an ihrem rechten Beingelenk Feuer fing. Das Fleisch verkohlte, der Schmerz schoss sofort hoch bis zu ihrem Gehirn. Sie nahm ihre letzte Kraft beisammen und sprang durch das Flammenmeer nach vorne. Der Gegenstand lag noch immer da, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Tausend kleiner Messer gleich stach das Feuer in ihren ganzen Körper, reflexartig schlug sie danach und sah, wie sich verbrannte Haut löste. Ein rauer, tiefer Schrei entfuhr ihrer Kehle als sie herumwirbelte und mit aller Kraft den Gegenstand in die Richtung warf, aus der sie gekommen war. Die Flammen versengten ihr Gesicht, schmerzverzerrt brach sie auf dem Boden zusammen, während sich das Feuer hungrig über seine neue Beute ausbreitete.
    „Nicht jetzt!“ schrie Antiflag noch immer außer sich. „Nicht jetzt, wo wir endlich zueinander gefunden haben. Ich habe doch nur noch sie!“ schluchzte sie auf und brach auf dem Boden zusammen. Tigress erkannte, dass Antiflags Augen einen gebrochenen Ausdruck angenommen hatten. Sie kannte diesen allzu gut, vielleicht war es die schlimmste Art zu sterben.
    Allerdings durfte sie sich damit nicht befassen.
    “NOCH DREI MINUTEN …“ hallte die Computerstimme wieder. Sie hatte erkannt, was Alaynna vorgehabt hatte, der Gegenstand musste direkt vor der Tür liegen. Die Polizistin überzeugte sich kurz, dass Antiflag außerhalb des Gefahrenbereiches saß und verhüllte ihr Gesicht. Sie zog die Tür auf, sofort schlugen die Flammen gierig herein. Erst nach einem kurzen Augenblick wagte sie es einen Blick zu riskieren. Der Hölle gleich breitete sich das Flammenmeer vor ihr aus, allerdings funkelte das ersehnte Metallobjekt knapp einen Schritt entfernt. Tigress zögerte nicht und griff hastig danach, dass heiße Metall verbrannte ihre Handfläche, sie schrie schmerzvoll auf und warf sich rückwärts wieder in den kühleren Zwischenraum. Die Kleidung an ihrem Unterarm hatte Feuer gefangen, hektisch schlug sie diese aus und erstickte es. Ihre Schussverletzung machte sich wieder bemerkbar; sie durfte nicht aufgeben! Der Schlüsselbund lag direkt vor ihr, sie riss sich ein Stück Stoff ab und versuchte damit den Bund zu ergreifen. Angespannt stand sie auf und zögerte einen Augenblick. Es musste der richtige Schlüssel sein, sonst wäre alles umsonst. Entschlossen steckte sie einen der Schlüssel in das Schloss und drehte ihn um, nichts geschah. Tränen der Verzweiflung traten ihr in die Augen, als sie wild an dem Schlüssel herumzog und ihn mit voller Kraft erneut zu drehen versuchte, vergeblich. Hastig griff sie nach dem nächsten der drei Schlüssel und versuchte es erneut, wieder geschah nichts.
    Antiflag saß auf dem Boden, ihre Augen blickten in Tigress Richtung, doch ihr Bewusstsein schien von alldem nichts mehr mitzukriegen.
    Der letzte Schlüssel. Tigress hielt vor Anspannung die Luft aus. Sie stieß ein hysterisches Lachen aus, als er sich herumdrehte und die Tür aufschwang. Eine tiefe, innere Erleichterung breitete sich in ihr aus, als hätte diese eine Tür alle Schwierigkeiten aufgelöst. Hastig drehte sie sich zu Antiflag um und wollte sie mit sich hochziehen, doch diese weigerte sich.
    „Da draußen wartet nichts mehr auf mich!“ erwiderte diese monoton, mit kaum hörbarer Stimme, ohne aufzublicken.
    „Wenn Du hier bleibst, war ihr Tod umsonst!“ versuchte Tigress sie ungeduldig mit sich zu zerren.
    „Das ganze Leben ist umsonst!“ antwortete Antiflag knapp.
    „Ich lasse nicht zu, dass Du hier stirbst, hörst Du? Ich lasse es nicht zu!“ schrie Tigress und zog Antiflag auf die Beine.
    „Du würdest sogar dafür sterben?“ fragte diese überraschend laut. Tigress spürte, wie ein winziger Funke sich wieder in Antiflag zu rühren begann, als würde sie aus ihrer Lethargie erwachen. Für einen Augenblick dachte sie über Antiflags Frage nach, bevor sie entschieden den Kopf schüttelte.
    „Niemand wird hier sterben. Wir werden es schaffen!“ gab sie mit einem Ton wider, der keinen Zweifel dulden ließ, voller Überzeugung. Antiflag nickte kurz und versuchte so schnell es ihr Zustand erlaubte Tigress zu folgen, während der Countdown erbarmungslos der Null entgegensteuerte.
    Tigress rannte mit Antiflag im Schlepptau so schnell wie möglich eine Treppe runter, ein langer Korridor breitete sich vor ihnen aus. Im letzten Augenblick blieb sie vor einer Ecke stehen, als sie zwei Stimmen vernahm, die aufgeregt miteinander diskutierten. Vorsichtig spähte sie herum und erkannte zwei Wachmänner, die sich nicht sicher waren, ob sie ihren Posten noch halten sollten oder wie alle anderen versuchen zu fliehen.
    Tigress wand sich zu Antiflag um, sie wollte ihr sagen, dass egal was passieren würde, Antiflag unbedingt entkommen musste, aber sie brachte keinen Ton mehr heraus. Antiflag verstand Tigress Blick und wollte sie aufhalten, doch es war zu spät. Mit gezogener Waffe bog Tigress um die Ecke. Die Wachmänner blickten überrascht auf, und reagierten blitzschnell. Tigress drückte ab, wieder und wieder. Sie schloss die Augen, als die Wachmänner ebenfalls ihre Waffen feuerten. Dann herrschte nur noch Stille.
    Antiflag kam um die Ecke herum und presste ihre Hand auf die blutende Wunde. Vorsichtig legte sie ihre freie Hand auf Tigress’ Schulter. Erschrocken zuckte diese zusammen; die Wachmänner hatten sie verfehlt.
    „Wir müssen weiter!“ sagte Antiflag, kaum hörbar. Ihre Kräfte waren nahezu aufgebraucht, ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Die Polizistin nickte stumm und rannte weiter.
    „NOCH 90 SEKUNDEN BIS ZUR DETONATION. SOFORTIGE EVAKUIERUNG EINLEITEN!“
    Hinter der nächsten Doppeltür fühlte Tigress, dass ihre Gebete erhört wurden: Die Garage! Sie schnappten sich das am nächsten gelegene Auto, einen Mazda- BT 50. Tigress zögerte keinen Augenblick und zerschoss das Fensterglas und schnitt die Zündungskabel durch. „Bitte!“ flehte sie. Beim dritten Versuch war der Wagen endlich kurzgeschlossen und sprang an. Antiflag schaffte es gerade noch sich auf den Beifahrersitz zu hieven, als Tigress das Gaspedal voll durchtrat. Der Wagen raste mit quietschenden Reifen in die Kurve. Das Sicherheitsgitter begann sich zu senken. Nicht so kurz vor dem Ziel, nicht jetzt, dachte Tigress. Sie würde jetzt nicht aufgeben und raste mit Vollgas auf das Gitter zu.
    „Tu es!“ ermutigte sie Antiflag. Funken sprühten auf, als das Gitter über das Autodach streifte. Der Motor heulte auf, mit einem Sprung landete der Wagen im Freien. Antiflag stöhnte unter dem harten Aufprall laut auf, aber Tigress hielt nicht an. Sie raste weiter und zerschmetterte das Einfahrtstor. Einen letzten Blick in den Rückspiegel werfend raste sie in mörderischem Tempo an einem Abgrund entlang, im letzten Augenblick lenkte sie um.
    „Gib nicht auf!“ wiederholte sie immer wieder, als ihr Blick auf das nahezu weiße Gesicht ihrer Beifahrerin fiel. „Halte durch!“ Antiflag wirkte erschöpft, sie schloss langsam die Augen. Sie wollte nur noch schlafen.
    Kurz darauf waren die roten Lichter des Wagens in der Dunkelheit des Waldes verschwunden, während einsam und verlassen die letzten Lichter der Forschungsanlage erloschen.

    Die Alarmsirenen heulten durch die verlassenen Korridore des Hauptgebäudes. In regelmäßigen Abständen rotierten die roten Leuchten immer wieder im Kreis. Der Großteil der Generatoren war mittlerweile ausgefallen, selbst das Licht der Notstromaggregate begann zu flackern.
    Eine nasse Spur zog sich aus einem der Wasseraufbereitungsbecken heraus. Ein Krieger gab sich noch nicht geschlagen. In seinem Kopf hämmerte es, aber er würde überleben. Er würde entkommen!
    Romulus war direkt in eines der Aufbereitungsbecken für das Kühlwasser der Generatoren gestürzt. Die Alarmsirenen hatten ihn wieder zu Bewusstsein gebracht, sonst wäre er in dem Behälter erfroren. Seine Hände zitterten vor Kälte, die Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt. Er kannte nur noch ein Ziel, und er würde alles daran setzen, es zu erreichen. Romulus war noch lange nicht besiegt, er war noch lange nicht am Ende! Und das würde Tigress bald am eigenen Leibe spüren, sehr bald.
    Er würde nicht eher aufgeben, bis er seine Rache bekommen würde, die innerste, grausamste Rache, die er sich vorstellen konnte.
    Und der Plan dafür hatte bereits begonnen!

    Die lauten Alarmgeräusche der Anlage drangen bis zu Elbin durch. Schweiß rann ihre Stirn herunter und brannte in ihrer Schussverletzung. Vor wenigen Minuten rannten Dutzende Menschen panisch die Straße hinunter, mehrere Fahrzeuge begleiteten sie.
    Prinzessin Hinoto war noch immer bewusstlos. Gleich nachdem Elbin die ersten Stimmen vernommen hatte, war sie ins Dickicht gekrochen und versteckte sich mitten in einem größeren Gebüsch. Ihre Arme waren verkrampft, jeder Schritt war eine Qual gewesen, sie würde es niemals schaffen Hinoto den ganzen Berghang hinter sich herzuziehen. Aber sie konnte sie hier auch nicht einfach so liegen lassen.
    Elbin wartete noch einen Augenblick ab. Irgendwo in der Anlage explodierte etwas, dann legte sich wieder Stille über den Wald. Es gab weder Tiere noch Menschen zu hören, nur das wiederkehrende Heulen des Alarms. Sie konnte nicht länger warten. Sie horchte noch einmal auf. Vor Anspannung wagte sie es nicht einmal zu atmen, doch es schien keine Menschenseele hinter ihr her zu sein. Entschlossen griff sie nach Hinoto und zog sie hinter sich heraus aus dem Gebüsch. Das scharrende Geräusch des Laubes schien außergewöhnlich laut. In der Dunkelheit hatte Elbin Schwierigkeiten sich zu orientieren, sie wusste nicht, ob sie sich von der Straße entfernte oder auf diese zulief. Ihre Muskeln pochten, ein ziehender Schmerz breitete sich zusehends aus, als würde jemand mit einem heißen Messer in ihr Fleisch schneiden. Resigniert stellte sie fest, dass sie sich erst wenige Schritte von dem Gebüsch entfernt hatte.
    Ein weiterer Knall erklang, kurz darauf leuchteten Scheinwerfer durch das Unterholz. Panisch warf sich Elbin flach auf den Boden. Nur wenige Meter entfernt raste ein Auto die Straße hinunter. Etwas kitzelte Elbins Nase, sie spürte, wie ein Insekt an ihrem Gesicht entlang krabbelte und sie mit seinen kalten, glitschigen Beinen abtastete. Aber sie wagte es nicht sich zu rühren. Erst als die Rückleuchten des Autos, zwei roten Augen gleich, verschwunden waren, atmete sie hörbar aus und zog Hinoto wieder an sich ran.
    Eine innere Stimme flüsterte ihr immer wieder zu die Prinzessin zurück zu lassen und Hilfe zu holen, doch Elbin versuchte diese Stimme zu ignorieren.
    „Ihr zwei solltet euch beeilen!“
    Der Klang der Frauenstimme traf Elbin wie ein Schlag. Ihr Herz schien stillzustehen, als sie sich langsam umdrehte. Fieberhaft versuchte sie einen Ausweg zu finden, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen.
    „Alleine werdet ihr es nicht schaffen!“ fuhr die Frau fort und trat hinter einer Buche hervor. Die Fremde stand nur zwei Schritte von Elbin entfernt, diese wusste nicht, wie lange sie und Hinoto schon beobachtet worden waren.
    „Wir haben keine Zeit mehr!“ fuhr die Fremde fort. Sie sprach wohl überlegt und für die Situation erstaunlich ruhig. Elbin musterte sie genauer. Langes, stufiges blondes Haar fiel über ihre Schultern, für einen Augenblick glaubte Elbin eine Narbe am Auge unter den vielen Haarsträhnen zu erkennen.
    „Was willst Du?“ brachte sie endlich hervor.
    „Ich bin hier, um euch abzuholen!“ fuhr die Fremde fort und machte einen schritt auf Elbin zu. Sofort stellte diese sich schützend vor die Prophetin, doch sie ahnte, dass sie im Fall eines Kampfes unterlegen sein würde.
    “Ich bringe Euch in Sicherheit, Du brauchst keine Angst zu haben. Dir bleibt keine Zeit!“ fügte die blonde Frau drängend hinzu, als Elbin noch immer keine Anstalten machte sich ihr aus dem Weg zu stellen. Etwas an ihr jagte Elbin eine Gänsehaut ein.
    Nahezu mühelos hob die blonde Frau Hinoto hoch und trug sie in Richtung der Straße. Elbin zögerte kurz, entschied sich aber dann ihr zu folgen. Sie hob einen dicken Holzstab auf, nur für alle Fälle.
    Überrascht stellte sie fest, das nur wenige Schritte entfernt ein blauer Mustang geparkt war. Die Fremde legte Hinoto auf den Rücksitz und öffnete Elbin die Tür. „Na los, steig ein!“
    Unschlüssig blieb Elbin stehen und warf noch einmal einen Blick auf die Anlage. Es schien in mehreren Fenstern zu brennen. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, schnallte sich jedoch nicht an, falls sie schnell herausspringen musste. Sofort startete die blonde Frau den Motor und fuhr die Straße hinunter in Richtung Stadt.
    Die Blonde strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, erst jetzt erkannte Elbin ihre tiefgrünen Augen. Das Gesicht kam ihr bekannt vor, sie konnte es aber nicht einordnen.
    „Woher wussten Sie, wo wir sind? Wer schickt Sie?“ sprudelten die Fragen aus ihr heraus. Sie versuchte so ihre Unsicherheit zu überspielen, in diesem Fahrzeug kam sie sich wie ein kleines, hilfloses Kind vor.
    „Das wirst Du alles früh genug erfahren.“ wich die blonde Frau aus. „Entspann Dich, ihr seit jetzt in Sicherheit!“
    Elbin blickte auf die dunkle Straße vor sich. „Sicherheit…“ wiederholte sie verächtlich, ein Wort, an das sie nicht mehr glaubte.
    Ein kurzes, geheimnisvolles Funkeln spiegelte sich in den Augen der Fremden wieder.
    „Haben die aus dem Konzern euch so zugerichtet?“ fragte sie.
    Elbin nickte kurz und tastete nach der Schusswunde.
    „In der Stadt wird sich ein Arzt darum kümmern. Keine Sorge, es ist jemand, dem man vertrauen kann! Jetzt wird alles gut!“
    Die restlichen Minuten verbrachten beide schweigend. Hinoto schien unruhig zu schlafen, immer wieder warf die blonde Frau einen nervösen Blick in den Rückspiegel und musterte die Prophetin. Ein geheimnisvoller Ausdruck trat auf ihr Gesicht, ihre Finger hielten das Lenkrad klauenartig umklammert. Als sie verstohlen Elbin von der Seite musterte, umspielte ein kurzes, kaum wahrnehmbares Lächeln ihre Lippen.
    Der Mustang fuhr die einsame, unbeleuchtete Straße entlang, einem unklaren Ziel entgegen, bis auch seine Lichter von der Dunkelheit verschlungen wurden. Sowohl Elbin als auch Rachel wussten, dass dies erst der Beginn einer Schlacht war und noch ein langer, blutiger Weg vor ihnen liegen würde.

    Epilog

    Dunkle Wolken schoben sich vor den Mond und stahlen die letzten schwachen Lichtstrahlen. Der einstige Stolz des Konzerns lag verlassen mitten im Wald. Nur noch einzelne Sirenen zeugten davon, dass vor wenigen Stunden knapp einhundert Menschen hier gearbeitet hatten.
    Doch ein Geheimnis barg das Unternehmen noch, vielleicht sogar das Größte von allen. Tief unter der Erde, in den untersten Ebenen sicher verborgen.
    Eine blutige Spur markierte den Weg direkt in das Labor. Die Türen glitten auf und ließen Kanoe hinein stolpern, die linke Hand fest auf ihren rechten Oberarm gepresst. Kleinere Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
    Lediglich ein grünlich schimmerndes Licht von der Notfluchttafel erleuchtete den Raum, dessen Zentrum von einem bis an die Decke reichenden Behälter ausgefüllt war.
    Kanoe wusste nicht, ob die Selbstzerstörung auch die unteren Ebenen erfassen würde. Sie musste es riskieren, sie durfte dieses Experiment nicht verlieren!
    Mittlerweile war die letzte Minute angebrochen.
    Die Traumwandlerin setzte sich auf eine der drei Stufen, die zu dem Behälter führten und schloss die Augen. In ihrem Inneren zählte sie die letzten Sekunden, als der Countdown plötzlich verstummte. Überrascht blickte sie auf. Der Selbstzerstörungsprozess war beendet, nach und nach schalteten sich die Monitore ein, ein Rechner nach dem anderen begann hochzufahren.
    Kanoe hörte einen tiefen, dröhnenden Laut hinter sich und wand sich langsam um. Die grünliche Flüssigkeit um die Konzernleiterin wurde abgelassen, zwei Schleusen öffneten sich: Mit langsamen, vorsichtigen Schritten trat die Konzernleiterin hinaus und schien nicht die geringsten Schwierigkeiten damit zu haben, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Weißblondes Haar klebte nass auf ihrem Rücken, ihre Haut war hell und weich. Einem Engel gleich trat sie nackt vor Kanoe und blickte runter. Nur ihre hellblauen Augen ließen eine Kälte erahnen, die gnadenlos jeden Gegner in die Knie zwingen würde.
    „Alexia!“ stellte Kanoe staunend fest. „Alexia Ashford, Sie sind endlich erwacht!“

    Tigress bog eine weitere Serpentine ein. Immer wieder sah sie nervös zu Antiflag herüber, ob diese noch atmete. Sie musste sich beeilen! Ein lauter Knall lies sie zusammenzucken. Etwas streifte die Bäume hinter ihr mühelos beiseite, das Holz knackte, als es Streichhölzern gleich zerbrochen wurde. Tigress erkannte, wie ein riesiger schwarzer Schatten mit mörderischer Geschwindigkeit auf sie zuraste. Bevor sie reagieren konnte, wurde der Wagen hoch geschleudert und in der Luft herumgewirbelt, sie spürte wie sie kopfüber hing. Antiflags Schrei drang wie aus weiter Ferne zu ihr durch, bevor der Wagen mit voller Wucht auf die Erde zuraste.

    Zufrieden betrachtete Alexia die Überreste des brennenden Fahrzeugs auf einem der Überwachungsmonitore. Der Prozess war beendet, das letzte der drei Experimente, sie selbst, war einsatzbereit. Sanft drehte sie einen Knopf auf einer Anzeigentafel und schaltete den Bildschirm aus.

    ENDE

    Fortsetzung folgt in:

    WERWOLF IX ~ ENDE UND ANFANG

    Darks kleine Notizecke:
    Damit endet meine Geschichte zu Werwolf VIII. Wie immer bin ich für jede Kritik dankbar, ob positiv oder negativ, nur so kann ich meine Fehler besser einschätzen, daher, wenn ihr Verbesserungsvorschläge habt oder euch etwas aufgefallen ist, her damit :-) Und wenn es euch gefallen hat, dann erst recht ^^

    Die nächsten Teile werden die Handlung in der Vergangenheit vollständig abschließen! Wenn danach noch genügend Interesse vorhanden ist, würde ich gerne die Handlung der Gegenwart fortsetzen, aber das wird erst nach 5-6 Spielen wieder der Fall sein. Noch habe ich viiieeelle Ideen, was man in der Vergangenheit noch anstellen kann, hehehe. Unter anderem gibt es ein Wiedersehen mit Lilith, Baronin Mikako, Nicci, Chrono, Deborah, Sonea, Jeatine und Marquis de Pargo. ^^

    Mir hat es Spaß gemacht und ich freue mich schon auf meine nächste Runde. Ich hasse es, wenn eine Geschichte endet

    Spoiler (Versteckter Text)
    Und für die Neugierigen, ein Blick in den RPG Rollen Thread beantwortet so manche Frage ^^

    Kleine Randinformation:
    Egentlich sollte Alaynna überleben, aber einige fanden Antiflag wesentlich sympatischer, und nachdem mir sogar Alaynna sagte, dass sie Antiflag interessanetr fand, entschied ich mich um. Manchmal, aber nur manchmal, gehe ich doch auf Wünsche ein
    Geändert von darkgemini (17.10.08 um 03:40 Uhr)
    Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt~Mahatma Gandhi

    *Die Königin der tausend Jahre* ~ Fans und Folgen immer gerne gesucht *Als die Tiere den Wald verließen*Sailor Moon*Lady Oscar*Anne mit den roten Haaren*Kleine Prinzessin Sara*Katri/Katholi ~Das Mädchen von der Farm*Mila*Eine fröhliche Familie*Perrine*Robin Hood*Pollyanna*Niklaas*Heidi*Marco*

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